Mittelpunkt und Herzstück der Jugendbildungsstätte "Haus Altenberg" am Altenberger Dom ist die von gernot schulz : architektur im Rahmen umfänglicher Sanierungs- und Neubaumaßnahmen realisierte Christkönigskapelle. © Simon Wegener

Christkönigskapelle der Jugendbildungsstätte "Haus Altenberg" von gernot schulz : architektur

An Weihnachten reichen die Plätze kaum aus, festlich gekleidet drängen sich die Gemeindemitglieder auf den Kirchenbänken. Doch an „normalen“ Sonntagen sitzen meist nur wenige in einem riesigen Raum, die Priester hetzen von Kirche zu Kirche, von Gottesdienst zu Gottesdienst – und predigen in leeren Häusern. Angesichts schrumpfender Gemeinden und vieler Kirchen, die profaniert oder sogar abgerissen werden, sind Meldungen wie diese eine Besonderheit: Innerhalb der ehemaligen Klosteranlage des Altenberger Doms konnten die Kölner Architekten gernot schulz : architektur eine neue Kapelle realisieren und damit der bewegten Geschichte des 1145 gegründeten Zisterzienserkloster ein neues Kapitel hinzufügen.

 

Ein neues Kapitel

 

Der Lageplan der Gesamtanlage zeigt die unterschiedlichen bauzeitlichen Eingriffe und Neubauten, sowie die neu entstandenen Hof- und Wegebeziehungen. © gernot schulz : architektur

 

Etwas versteckt im Tal der Dhünn liegt der Altenberger Dom im Ortsteil Odenthal zwischen Bergisch Gladbach und Leverkusen und südlich daran anschließend das „Haus Altenberg“, das bereits seit 1922 Jugendbildungsstätte und Jugendgästehaus des Erzbistums Köln ist. Die heutige Pfarrkirche der Kath. Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt, die ehemalige Zisterzienser-Abtei Altenberg, gehört dem Land Nordrhein-Westfalen und steht seit einer Bestimmung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. von 1857 als „Simultankirche“ den beiden großen Konfessionen offen. Ihm ist es auch zu verdanken, dass es den Dom heute überhaupt wieder gibt, denn auf Veranlassung Friedrich Wilhelm IV erfolgte 1847 nach der Zerstörung durch einen Großbrand der Wiederaufbau des Basilika.

Ab 1924 entstand zunächst die neobarocke Wiederherstellung und Ergänzung der vorhandenen Bauten. Zwischen 1932 und 1933 wurde der Architekt Hans Schwippert mit der Vollendung der Baupläne betraut, einhergehend mit einer moderneren gestalterischen Neuausrichtung im Geist der innerkirchlichen Erneuerung. Insbesondere im Innenraum setzte Schwippert mit Ausbauten im Geiste des Deutschen Werkbundes Akzente.

Seit 2012 bearbeiten die Kölner Architekten die Sanierung, Neustrukturierung und Erweiterung der klosterähnlichen Anbauten des Doms und der Jugendbildungsstätte „Haus Altenberg“, die südlich an die turmlose Querschiff-Basilika mit Chorumgang und Kapellenkranz anschließt.

 

 

Blick in den „grünen“ Kapellenhof auf den südlich des Doms angrenzenden neu geschaffenen Verbindungstrakt. An der Außenhaut deutlich ablesbar die besondere Form und Lage der Kapelle im ersten Obergeschoss, auch wenn der doppelte Schwung der Kapellendecken hinter dem asymmetrische Giebel nur zu ahnen ist. Der Goldene Saal im Erdgeschoss ist zu beiden Hofseiten mit großen Glasschiebetüren ausgestattet und schafft im Sommer eine offene und lichte Verbindung zwischen den Außenbereichen. © gernot schulz : architektur

 

Moderne Klausur

Im ersten Bauabschnitt wurde nach umfangreicher archäologischer und denkmalpflegerischer Bauforschung, die Funde bis in die romanische Gründungszeit des Klosters zu Tage förderte, der gesamte Bestand typologisch neu geordnet. Im zweiten Bauabschnitt folgten mehre Neubauten mit Gästezimmern, Seminarräumen und Speisesaal. Die Straffung und Neuformulierung folgte der Idee, die Klausuratmosphäre der gesamten Anlage zu erhalten und eine ablesbare Raumfolge aus Gebäuden und Höfen zu schaffen.

Der südlich-westlich an den Dom angrenzende sogenannte Konversenhof, in Form und Material als archaischer Klausurhof gedacht, ist funktionaler „Verbinder“ alter und neuer Trakte. Aus diesem Innenhof wird man auch künftig durch einen Seiteneingang in den Dom gelangen können. Der belebte, beige-braune Klinker ist farblich auf den Dom abgestimmt und spiegelt die regionale Bau- und Handwerkstraditionen wieder, findet aber dennoch eine eigene architektonische Haltung gegenüber dem historischen Bestand.

 

Mittelpunkt und Herzstück

Der Gebäudetrakt zwischen Konversenhof und dem „grünen“ Kappellenhof birgt im ersten Obergeschoss als Mittelpunkt und Herzstück der Sanierung die im April dieses Jahres geweihte Christkönigskapelle. Das zweigeschossige Gebäude wurde entlang und aus der Linienführung des in der Zeit der Säkularisierung zerstörten gotischen Kreuzgangs südlich des Doms gebaut. Im Erdgeschoss befindet sich, der im Rahmen der Sanierung neu platzierte ‚Goldene Saal‘.

 

Die langgestreckte Raumproportion gliederten die Architekten mit einer doppelt geschwungenen Kapellendecke. © Simon Wegener

 

Diese aus der Geschichte abgeleitete Position des Neubaus stellte die Architekten vor die Herausforderung einer entgegen der liturgischen Ausrichtung nach Osten langgestreckten Raumproportion. Die geschwungene Kapellendecke, mit kleinem und großem Rundbogen, teilt den langgestreckten Raum mit dem Altar auf der Längsseite asymmetrische in einen fest möblierten Hauptraum und einen bewusst leer gehaltenen Nebenbereich.

Das für die Geschichte des Haus Altenberges wichtige Bestandskreuz wurde in den Neubau integriert und scheint vor dem Licht des Maßwerkfensters zu schweben. Auch das Tabernakel wurde aus dem Bestand übernommen, erhielt jedoch einen neuen Sockel. © Simon Wegener

 

Die Raumwirkung des liturgischen Bereiches ist zentral auf ein für die Historie des Hauses Altenberg wichtiges Bestandskreuz ausgerichtet, hinter dem sich ein neuzeitliches Maßwerkfenster aus Beton-Gußelementen erhebt. Bis hin zu den Prinzipalstücken, Weihwasserbecken und Kerzenständer, konnten die Architekten die Gesamtwirkung des Raums gestalten. Kreuz und Tabernakel wurden jedoch als Erinnerungswerte aus dem alten Haus übernommen und integriert.

Menschen besuchen Kirchen zu unterschiedlichen Anlässen: Dazu gehören längst nicht mehr nur die Gottesdienste an den Sonn- und Festtagen. Viele suchen einfach einen Ort der Ruhe und des Gebetes. Der Altenberger Dom und die Jugendbildungsstätte des Erzbistums Köln, das „Haus Altenberg“ sind jetzt, da fast sechs Jahre Renovierungs- und Sanierungszeit hinter den Gebäuden liegen, mehr denn je solche Orte. Übernachtungsgäste werden in den bereits fertig gestellten Bauteilen schon seit September 2016 empfangen.

 

 

Barbara Schlei

 

Die reduzierte Gestaltungshaltung findet sich auch in den Einrichtungsgegenständen wie Bänke, Weihwasserbecken und Kerzenhalter wieder. © Simon Wegener

 

Um dem Raum auch langfristig eine archaische Prägung und gute Alterungsfähigkeit zu erhalten wurde Wert auf sorgfältige Fügung aller Bauteile und Details gelegt. © Simon Wegener

 

Beton-Gußelementen und die freie Anordnung der Maßwerksteine interpretieren die besondere Fensterkonstruktion des Doms und stellten sowohl planerisch als auch baukonstruktiv eine der größten Herausforderung des Planungs- und Bauprozesses dar. © Simon Wegener

 

Der Schnitt durch den, südlich des Doms angrenzenden Verbindungstrakt, zeigt deutlich die Lage der Kapelle im ertsen Obergeschoss und den doppelten Deckenschwung in Bezug auf den asymetrischen Giebel. © gernot schulz : architektur

 

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