Eine Pfütze pink färben macht keinen Sinn, aber Spaß. © Uta Winterhager

Die Junior-Redaktion testet die #stadtsache-App (Teil 1)

Weil letzte Woche Girls‘ Day war, musste der Nachwuchs arbeiten. Wir Redaktionsmütter haben ihnen eine Aufgabe gegeben, bei der sie die Experten sind, denn es ging um die #stadtsache App, die Kinder zu Stadtentdeckern macht. Wie das von Anke M. Leitzgen, Bruno Jennrich und einigen Kollegen entwickelte Programm online und offline funktioniert, was ihnen daran gefällt und was sie in Köln, Bonn und anderorts entdeckt haben, schreiben sie hier selbst:

 

Mein Name ist Camilla, ich bin 13 Jahre alt und gehe in die 7. Klasse auf dem EMA in Bonn. Nachmittags mache ich viel Sport oder ich treffe mich mit Freunden. Seit ungefähr zwei Jahren habe ich ein Smartphone, zuerst das alte von meinem Bruder, dann habe ich ein besseres von meiner Mutter geerbt. Meistens habe ich es dabei und benutze es für WhatsApp, zum Musikhören und Fotografieren.

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Auf der Slackline am Schloss © Foto Camilla Winterhager

 

Ich wohne schon immer in Bonn. Hier gefällt mir gut, dass ich fast überall mit dem Fahrrad hinfahren kann. Die Straßen sind nicht so gefährlich und es sind nicht so viele komische Leute unterwegs wie zum Beispiel in Köln. Wir wohnen in der Südstadt, die ziemlich nah an der Innenstadt ist. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, treffen wir uns zum Volleyballspielen oder mit der Slackline auf der Wiese vor dem Schloss oder in der Stadt.

 

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Unterwegs in Antwerpen mit Architekteneltern und der #stadtsache-App: Fundstück für die Kategorie „besondere Fassaden“ © Foto Uta Winterhager

 

Zur #stadtsache

Bei der #stadtsache App geht es darum, interessante Sachen in der Stadt zu finden und zu fotografieren. So kann in jeder Stadt eine große Fotosammlung entstehen, zu der viele Leute etwas beigetragen haben. Auf diese Weise kann man Dinge in der Stadt entdecken, die man vorher noch nie gesehen hat. Wenn irgendwann einmal viele Leute die App benutzen, kann es interessant sein zu sehen, was sie fotografiert haben. Aber leider bin ich im Moment noch die einzige in Bonn, die die App benutzt. Wenn ich nur meine eigenen Fotos sehe, ist das nicht so spannend – in Köln passiert da schon mehr.

Die Zielgruppe der App sind Jugendliche, die ein Smartphone besitzen. Wenn ich einen Tipp für die App in einer Zeitschrift gelesen hätte, hätte ich sie mir wahrscheinlich auch runter geladen, um sie mal auszuprobieren. Meine Freundin hat mich als erstes gefragt, ob man da auch Bilder liken oder kommentieren kann wie bei Snapchat, Facebook oder Instagram. Das konnte man damals aber noch nicht. Vielen Jugendlichen ist es aber sehr wichtig, dass sie eine Reaktion auf ihre Bilder oder Posts bekommen. Wenn nichts zurück kommt, finden sie das langweilig. Auch wenn das vielleicht gerade das Konzept ist anders zu sein als die üblichen sozialen Netzwerke, finde ich es gut, dass es mit dem neuen Update jetzt möglich ist. Schade ist trotzdem, dass man nicht sehen kann, wer die Bilder gemacht hat.

 

Die erste Erklärung zur #stadtsache App fand ich komisch, denn sie fängt sehr seltsam an: „#stadtsache ist ein plattformübergreifendes Werkzeug, das den GPS-Empfänger deines Smartphones …“. Das klingt nur kompliziert und nicht besonders spannend. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, was man mit der App machen kann. Und wenn ich es meinen Freundinnen erklären wollte, war es nicht so einfach, sie dafür zu begeistern. Ich habe die Funktionen dann einfach ausprobiert, manches hat geklappt, manches nicht. Zum Beispiel dauert es ziemlich lange, bis ein Foto nach dem Fotografieren angezeigt wird, daran muss man sich erst mal gewöhnen, sonst macht man direkt fünf Fotos. Außerdem sollte man immer darauf achten, dass der Akku voll ist, wenn man los geht um Fotos zu machen, denn die App verbraucht sehr viel Energie.

 

Gesichter, Schatten und Graffitis

Bei der #stadtsache gibt es verschiedene Fotosammlungen. Ich habe mir hier die Bilder von anderen Leuten angeschaut und mir Themen oder Fragen gemert. zum Beispiel „Gesichter in der Stadt“, „Wohin malt ein Baum seinen Schatten“, „Was sieht aus wie im Märchen“, „Verkehrsschilder“, „interessante Graffitis“ oder „Was verschwindet mit der Zeit?“. Wenn ich mit dem Handy unterwegs war und ich etwas passendes gesehen habe, habe ich es fotografiert und einsortiert. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich auch auf Wegen die ich sehr gut kenne, sehr viel langsamer gegangen bin, um etwas Besonderes zu entdecken. manche Sachen, wie ein Gesicht, das jemand mit Edding auf einen Poller gemalt hat, waren mir schon früher aufgefallen, die musste ich dann einfach nur noch fotografieren. Lustig war, dass viele Leute geschaut haben, was ich da fotografiert habe und dann erst das Gesicht oder den Schatten oder die Graffitis entdeckt haben. Von den 1401 Bildern, die es insgesamt in der App gibt, sind 48 von mir.

 

Mein Lieblingsbild ist das, wo ich mit meiner Freundin Amelie auf der Slackline zwischen zwei Bäumen stehe und wir den Schatten fotografiert haben. Das Lieblingsbild von meiner Mutter ist die Hecke mit dem Herzchenloch.

Jetzt warte ich darauf, dass noch irgendjemand in Bonn Fotos macht und sie in der App hochlädt. Nervig finde ich, dass die App unheimlich viel Akku verbraucht. Bevor es das letzte Update gab, funktionierte die App ohne mobile Daten nicht richtig. Das war schade, denn nicht alle Kinder und Jugendlichen haben eine mobile Daten oder Datenflatrate. Außerdem finde ich es blöd, dass man die Fotos immer in der App machen muss. So kann ich nämlich ältere Bilder, die total gut in eine Sammlung passen würden, nicht dort einstellen. Und ich denke, dass manche Fotos besser werden würden, wenn man mit der Kamera zoomen könnte, gerade wenn man kleine oder weit entfernte Sachen fotografiert. Dafür fand ich aber die Tipps in der App für gute Fotos. Zuerst habe ich die Drittel-Regel nicht verstanden, aber sie funktioniert wirklich.

 

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Stickersammlung in Köln © Camilla Winterhager

 

Manchmal habe ich Fotos gemacht, die richtig gut sind und super zur #stadtsache passen, aber leider gibt es keine Kategorie dafür. Schön wäre es, wenn es eine Kategorie für „Besondere Sachen“ gäbe, in die man zum Beispiel ein Foto von einer Stickersammlung auf der Rückseite eines Verkehrsschildes einsortieren könnte. Meine Freundin Frida konnte sich die #stadtsache App leider gar nicht runterladen, weil sie ein älteres Handy hat. Das ist schade, denn man kann nicht davon ausgehen, dass alle Kinder immer neue, teure Handys haben.

 

Darf man das?

Aus dem Buch zur App habe ich auch einige Sachen ausprobiert. Super fand ich die Idee mit der pinken Pfütze. Nach dem Ostereierfärben habe ich die Farbe mit Mehl verdickt und in ein Schlagloch geschüttet. Dabei war es gar nicht so einfach ein geeignetes Schlagloch zu finden. Das Ergebnis sah aber wirklich sehr schön aus!

 

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Fake-Hundehaufen © Camilla Winterhager

 

Dann habe ich mit meiner Freundin zwei Hundehaufen aus Mehl, Wasser, Kaffeesatz, WAtte und Kakao gebacken. Die sahen ziemlich echt aus. Leider hat den einen Haufen schnell jemand entsorgt. In den vor unserer Haustür habe ich noch ein Schild gesteckt auf dem stand „Liebe Hundebesitzer, Hundehaufen sind eklig!“. Vielleicht lesen das ja die Leute, die ihre Hunde immer hier hinmachen lassen. Leider hat die Sperrmüllabfuhr den Haufen dann mitgenommen. Wir wollten auch noch die Sprühkreide ausprobieren, das hat aber leider gar nicht geklappt, weil die Stärke die Flasche verstopft hat. Ich hätte auch gerne selber Kreide gemacht, aber die Gouache-Farbe, die man dafür braucht ist viel teurer als gekaufte Straßenkreide. Da macht das nicht so viel Sinn.

Viele Leute haben beobachtet, was wir da machen, wenn wir Pfützen färben oder Hundehaufen durch die Gegend tragen, aber lieber mal nichts gesagt. Besonders bei der Aktion mit den Hundehaufen gab es sehr viele komische Blicke. So richtig sinnvoll finde ich die Aktionen nicht, aber sie machen Spaß, weil sie so ungewöhnlich sind.

Seitdem ich die App benutze schaue ich immer, ob irgendwo Gesichter sind, die ich fotografieren könnte. Aber mir ist auch aufgefallen, dass es in Köln viel einfacher ist witzige oder seltsame Sachen zu finden, Bonn ist da viel zu aufgeräumt.

 

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Schattenmalerei in Antwerpen © Foto: Camilla Winterhager

Wer plant die Stadt?

Die Macher der App möchten, dass Kinder mehr in die Planung von Städten einbezogen werden. Das finde ich schwierig, weil Kinder die Stadt zwar jeden Tag benutzen, sich aber nicht richtig damit auskennen, wie man sie besser und schöner machen könnte. Selbst wenn Kinder genau sagen können, wo es ihnen gefällt oder welche Stellen sie gefährlich oder eklig finden, wissen sie nicht, wem sie das sagen sollen und ob es die Städte und Politiker wirklich interessiert.

Das #stadtsache-Workbook ist schön gemacht. Auf den Fotos sieht man viele Kinder bei den Aktionen, das ist gut und macht Lust, selbst etwas anzufangen. Die Texte sind nicht zu lang und für Leute in meinem Alter verständlich geschrieben. Da könnten die Schulbuchmacher noch etwas von lernen, um cooler zu werden. Wenn ich aber auf eine große freie Fläche ein Bank malen soll, die mir gefällt, traue ich mich das nicht, obwohl es eigentlich ganz einfach wäre. Kleine Kinder malen da einfach drauflos, aber ich denke bei solchen Sachen vielleicht zu viel nach und möchte, dass die Zeichnung auch räumlich richtig ist und wirklich schön aussieht.

 

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#gruselorte: welche Orte sind gefährlich und umheimlich? Die Müllverbrennungsanlage zum Beispiel. © Camilla Winterhager

 

Braucht man das?

Ich glaube nicht, dass sich viele Kinder aus meiner Klasse die App einfach so aus eigenem Interesse runterladen würden. Viele haben Facebook und Istagram und finden das viel spannender, das Thema Stadt interessiert sie meistens auch nicht so besonders. Wenn wir die App aber zum Beispiel in Erdkunde benutzen würden und die Stadt unser Thema wäre, würde das sicher ganz anders aussehen. Stadtsachen aus Bonn sind doch viel interessanter als die Bewässerungssysteme der Wüste. Außerdem plant unsere Schule gerade einen neuen Schulhof, vielleicht gäbe es auch hier eine Möglichkeit die App einzusetzen.

Ich bin der Meinung, dass man eine App wie die #stadtsache nicht unbedingt braucht, aber sie macht Spaß, wenn man sie hat. Es ist so ähnlich wie mit Keksen, die braucht man auch nicht zum Überleben, aber sie sind halt lecker und deshalb mag ich sie. Die Grundidee gefällt mir gut, durch die Straßen laufen und Sachen entdecken. Mir gefällt auch das Design der App. Und gut ist außerdem, dass bei der #stadtsache kein Druck entsteht wie in anderen sozialen Netzwerken, wo viele nur sind, um anzugeben.

 

Camilla Winterhager

 

 

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2 Antworten auf “Was guckst du???”

  1. Karin Hartmann

    Liebe Camilla,

    vielen Dank für Deine tolle Beschreibung! Ich werde sie meinem Sohn, der in die 8. Klasse geht, auf jeden Fall zum Lesen geben. Toll geschrieben und recherchiert! Wir wohnen übrigens auch in der Südstadt, vielleicht sieht man sich ja mal beim Fotografieren!

    Viele Grüße, Karin (Hartmann)

    Antworten
    • Anke von Heyl

      Hallo Camilla,

      ich habe auch schon mal in die #Stadtsache App reingeschaut und freue mich total, dass ich jetzt mal einen O-Ton habe von jemandem, für den die App auch gemacht wurde. Ich finde deinen Text total klasse und du hast das alles sehr gut analysiert!
      Zu der Frage, ob man so eine App unbedingt braucht? Ich finde ja: denn es wird viel zu wenig darauf Wert gelegt, auch mal links und rechts zu gucken und nicht nur den kürzesten Weg zu gehen. Das meine ich auch in Bezug aufs Lernen.

      Herzliche Grüße
      Anke

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