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4,6 Hektar groß, ist das im Friesenviertel liegende Gerling Quartier. Für die Anfangs des 20. Jahrhunderts gegründete Versicherung entstand vor allem ab den 50er Jahren ein eigener Kosmos inmitten der Kölner Innenstadt. Seit 2012 wird das Areal zu einem innerstädtischen Wohn- und Geschäftsquartier umgewandelt und nachverdichtet. Foto: © Uta Winterhager

Große Teile des Gerling Quartiers wechseln erneut den Besitzer

Zunächst hatten sich Investoren vom Niederrhein, die Frankonia Eurobau aus Nettetal, an den baulichen Hinterlassenschaften von Hans Gerling verhoben. Dann widmete sich die österreichische Immofinanz dem Projekt, die Dinge liefen etwas schleppend. Nun will ein Köln-Hamburger Konsortium endlich so richtig Leben ins Quartier bringen. Die Proximus Real Estate AG aus Köln und die Hamburger Quantum Immobilien AG haben der Immofinanz bis auf die Wohnimmobilien die Liegenschaften abgekauft. Wir haben nachgefragt: Was wird sich nun ändern und weiß der neue Eigentümer welchen Schatz er hier hütet? koelnarchitektur.de sprach mit Michael Kunz, Vorstand der Proximus Real Estate AG.

 

Herr Kunz, was versprechen Sie sich von dem hohen Investment, das Sie und die Quantum Immobilien AG getätigt haben?

Michael Kunz: Wir glauben, dass wir hier eine extrem interessante Innenstadtlage haben, die wir in eine vielversprechende Richtung weiterentwickeln können.

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Früher Aktenschränke, heute Schrankwände: die Versicherungsbüros wohntauglich umzubauen, war nicht nur finanziell ein schwieriger Akt. Foto: © Barbara Schlei

 

Ist die Immofinanz an Sie herangetreten?

MZ: Das war ein längerer, mehrmonatiger Prozess.

 

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„Nachverdichtung“ mit Wohnraum im Bereich der Kapelle und des ehemaligen Stadtarchivs. Foto: © Barbara Schlei

 

Wie sieht Ihr neuer Konzeptansatz aus?

MZ: Das Hauptkonzept der Immofinanz bestand in erster Linie darin, hochwertige Wohnungen zu schaffen. Für den Bauteil zwei schauen wir uns die Genehmigungen an, die vorliegen, und überlegen, ob wir das beibehalten wollen. Was früher Büro war, könnte möglicherwiese auch weiterhin Büro bleiben.

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Nach den Vorstellungen des neuen Eigentümers werden im Quartier wahrscheinlich keine neuen Wohnungen mehr entstehen. In den oberen Etagen des des Rundbaus wird man bald essen gehen können, im Restaurant des 25hours Hotels. Foto: © Uta Winterhager

 

Was ist für Sie die besondere Bedeutung des Quartiers für die Stadt?

MZ: Die zentrale Lage hier angrenzend an die Ringe und das Belgische Viertel ist für Köln existenziell wichtig. Wir sind ja hier auch mit Immobilien vertreten und kennen die Probleme. An den Ringen wird seit langem herumgedoktert, aber passiert ist noch nicht viel. Doch nun bewegt sich etwas, mit dem Neubau der Allianz zum Beispiel am Friesenplatz. Für die Stadt, für die Ringe, für das Belgische Viertel entsteht eine ganz neue Qualität, und in unserer Sichtweise gehört das alles zusammen.

Im Gerling-Quartier sprechen wir von einer Fläche von rd. 125.000 qm BGF, da müssen wir jetzt abschließend den richtigen Mix hinkriegen. Es ist eine wichtige Aufwertung für Köln, dass dieser Teil der Achse zwischen Hauptbahnhof und Belgischem Viertel endlich aufhört, Baustelle zu sein, und mit Leben gefüllt wird.

Die Immofinanz hat das aus Österreich heraus gesteuert, und wir denken, dass wir mit unserer Präsenz vor Ort die Kommunikation verbessern und auch mit der Stadt bezüglich der Denkmalpflege und der Bauaufsicht einen besseren gemeinsamen Austausch entwickeln können.

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Nicht mehr viel übrig: Die 50er und 60er Jahre Gebäude des Gerling Quartiers wurden teilweise bis auf den Stahlkern freigelegt. Foto: © Barbara Schlei


Apropos Friesenplatz, was passiert mit dem Eckgebäude, in dem Strauss Innovation untergebracht war? Verbleibt dies bei der Immofinanz?

MZ: Ja, dass ist der aktuelle Sachstand.

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Noch ist die „Piazza“ im Gerling Quartier vor dem Friedrich Wilhelm Gebäude nicht sehr stark frequentiert: Foto: © Uta Winterhager


Der Außenraum ist auch in Ihr Eigentum übergegangen. Bleibt der Platz am Friedrich Wilhelm Gebäude öffentlicher Raum?

MZ: Ein Quartier lebt doch von Frequenz. Die kommt durch die Gastronomie, durch das Wohnen, durch Büros, mit dem Hotel. Die eine Hälfte des Quartiers ist 12 Jahre nach dem Verkauf immer noch unfertig, das muss sich jetzt im Interesse der Anwohner und der gesamten Stadt zügig entwickeln.

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Die „Anbetung der Könige“ von Arno Breker kann jetzt in der Cocktail Lounge des italienischen Restaurants Rosati bestaunt werden. Foto: © Uta Winterhager


Sind abgesehen von dem Hotel im Rundgebäude weitere Gastronomiebereiche im Quartier vorgesehen?

MZ: Ich glaube, dass Gastronomie und auch Hotels den Wert eines Quartiers mit ausmachen. Das können aber genauso gut auch kulturelle Themen sein – Galerien etc.

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Schalterhalle wird Hotellobby: In den Rundbau wird die Kette 25hours einziehen. Foto: © Barbara Schlei


Gibt es schon Vorstellungen für die zukünftige Nutzung des Gebäudes „Globale“ direkt am Hildeboldplatz mit dem ehemaligen Gerling Chefbüro?

MZ: Das Büro ist vermietet, und wenn die Mieter gehen, werden wir überlegen, was wir machen. Ich denke schon, dass wir da vielleicht auch noch mal die Diskussion mit der Denkmalpflege aufnehmen, denn es bringt ja nichts, wenn die Gebäude leer stehen. Ich bin aber auch überzeugt, dass es Mieter geben wird, die solche Flächen gerne nehmen werden.

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Auch im ehemaligen Stadtarchiv ist ein Hotel eingezogen, das Qvest Hideaway. Hinten im Bild die Bürobebauung zur Christophstraße. Foto: © Barbara Schlei

Gibt es neue Verhandlungen mit den Behörden hinsichtlich der Denkmalpflege?

MZ: Es gibt Absprachen aus der Vergangenheit, wenn wir aber eine andere Nutzungsart wählen, würden wir natürlich auch Gespräche mit dem Amt führen und schauen, was man machen kann. Denkmalschutz ist wunderbar, aber es muss sich natürlich auch immer wirtschaftlich rechnen lassen.

 

Laut Presse möchten Sie auch die noch in Nutzung befindlichen Gebäude Am Klapperhof gegenüber dem Rundbau neu bauen. Was gibt es hier für Ansätze und wie sieht der Zeithorizont aus?

MZ: Die sind jetzt noch vermietet, wir sind dabei, da die Lage zu analysieren. In dem Bürogebäude sind Start-ups untergebracht, das finde ich ja grundsätzlich erfrischend, aber da müssen wir sehen, ob das in unser Gesamtkonzept passt.

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Denkmalschutz, der sich rechnet? Das sanierte Hochhaus hat 10 Millionen Euro mehr gekostet als ein vergleichbarer Neubau. Foto: © Barbara Schlei

 

Welches sind Ihre nächsten Meilensteine?

MZ: Die Fertigstellung des Hotels und der Tiefgarage durch die Immofinanz, die wir dann übernehmen. Damit rechnen wir bis spätestens Mitte nächsten Jahres, und bis dahin wollen wir ein Konzept für die Weiterentwicklung des restlichen Projektes stehen haben. Wir haben möglicherweise eine andere Sichtweise als die Immofinanz.

 

Wie sind da normalerweise Ihre Auswahlmethoden?

MZ: Die der Direktbeauftragung. Wir selber haben keinen Kontakt zu den ausführenden Büros, das lief über die Immofinanz. Wir bevorzugen die architektonische Beauftragung der zu entwickelnden Flächen.

 

Wie würde es heute hier aussehen, wenn Sie früher mit dem Projekt begonnen hätten?

MZ: Alles hat seine Zeit, damals hat man auf Wohnen gesetzt, heute im Jahr 2017 haben wir in Köln eine Nachfrage nach Büros, das ist schwer zu sagen.

 

Gefällt Ihnen persönlich eigentlich die Architektur im Gerling Quartier?

MZ: Das Büro von Hans Gerling finde ich schon sehr bemerkenswert, mit dem brasilianischen Marmor an den Wänden etc. Es ist nicht meine präferierte Architektur, aber sie hat noch durchaus Charme in der heutigen Zeit.

Das Gespräch führte Ira Scheibe 

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