Siegerentwurf: Ansicht vom Deutzer Bahnhof. Quelle: kadawittfeldarchitektur, Aachen

Der Landschaftsverband Rheinland reißt ab, um am Ottoplatz höher, schöner und städtischer zu bauen

Formal gehört Deutz zum Stadtbezirk 1, der Innenstadt, doch es liegt immer noch auf der anderen Rheinseite, der schääl Sick. Aber Deutz soll städtischer werden – innenstädtischer und großstädtischer. Konkret bedeutet dies eine Verdichtung und Neustrukturierung des zentralen Bereichs rund um den Ottoplatz. So rückte der kleine Bahnhofsvorplatz in den Fokus der Planer und Investoren, die ihm einiges zutrauen als Stadteingang, Empfang für die Messe, er soll das geplante Casino ertragen und eine nicht unerhebliche Menge Verkehr. Dass der Landschaftsverband Rheinland LVR sich nach Prüfung von Alternativen nun entschieden hat, das von ihm 1986 bezogene Hochhaus vis-à-vis des Bahnhofs Deutz abzureißen und mit einem Neubau zu ersetzen, ist durchaus begrüßenswert, denn städtebaulich tut das sechzehn Geschosse hohe ehemalige Ford-Hochhaus (R. Kleinschmidt 1966) für den Ort heute nichts mehr. Knapp 20 Meter höher soll der Neubau werden und wäre dann mit seinen 73 Metern immer noch ein Hochhauszwerg. Doch während (richtig hohe) Hochhäuser bundesweit als urbane Wohnform zunehmend ernsthaft diskutiert und gebaut werden, bereitet Höhe den Kölnern seit längerem Bauchschmerzen. Das war einmal anders und voller Freude auf eine großstädtische Zukunft blickend, waren für Deutz Downtown fünf Hochhäuser geplant. Doch 2004, als gerade der Rohbau des ersten, des 103 Meter hohen KölnTriangles (Gatermann+Schossig, 1992-2006) stand, setzte die UNESCO den Dom auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes. Dort blieb er zwei Jahre mahnend platziert, bis ein Höhenkonzept erstellt war, das zum Schutz der Domsilhouette eine auf beiden Rheinseiten liegende Pufferzone definierte – Hochhäuser waren seitdem kein Thema mehr.

 

Aussicht aus dem Stadthaus mit Blick nach Westen. Im Vordergrund die Constantinhöfe von JSWD, dahinter das Bestandshochhaus des LVR. Flankiert wird der Dom rechts vom KölnTriangle. In der Bildmitte rechts der denkmalgeschützte Bahnhof Deutz mit dem von bbzl gestalteten Ottoplatz. Foto © Uta Winterhager

 

Nun liegt das betreffende Grundstück zwar nicht in, aber direkt an der Grenze der Pufferzone, und weil das neue LVR-Hochhaus deutlich höher werden soll als der Bestand, suchten Stadt und Bauherr frühzeitig den Kontakt zu ICOMOS, dem deutschen Nationalkomitee der UNESCO. Negativen Auswirkungen auf das Erscheinungsbild des Kölner Doms konnten jedoch bei einer maximalen Höhe von 73 Metern und einer Platzierung im westlichen Bereich des Grundstücks nicht festgestellt werden.

 

Platz machen

Ende Februar wurde nun der Planungswettbewerb für den Neubau des LVR-Hauses am Ottoplatz entschieden. Da die Hochhausfrage vorab bereits geklärt werden konnte, waren die 24 teilnehmenden Büros nun aufgefordert mindestens 1.000 Büroarbeitsplätze auf 38.000 Quadratmeter BGF oberirdisch sowie eine zweigeschossige Tiefgarage nicht nur städtebauverträglich unterzubringen, sondern durch die Bildung einer klaren Stadtsilhouette ordnend auf das städtebauliche Umfeld einzuwirken.

Doch was die Auslobung so deutlich forderte, erwies sich als schwierig, sollte doch bei gleichzeitiger Aufwertung des öffentlichen Raums die BGF im Vergleich zum Bestandsbau mehr als verdoppelt werden. Die Jury unter Vorsitz von Jörg Aldinger zeichnete den Entwurf von kadawittfeldarchitektur (Aachen) mit dem ersten Preis (95.000 €) aus, vergab den zweiten Preis (80.000 €) an SAA Schweger Architekten (Hamburg), den dritten (60.000 €) an Barkow Leibinger (Berlin) und fünf Anerkennungen (je 26.000 €). In dem nun anschließenden Verhandlungsverfahren mit den drei Preisträgern wird ermittelt werden, welcher Entwurf gebaut werden wird.

 

kadawitt

Siegerentwurf: Lageplan. Quelle: kadawittfeldarchitektur, Aachen

 

1. Preis: EinHaus

kadawittfeldarchitektur gaben ihrem Entwurf den Titel „EinHaus“, denn genau so soll der Komplex aus einem 17-geschossigen Zwei-Scheiben-Hochhaus und einem fünf- bis sechsgeschossigen Sockelbau gelesen werden. Gelungen ist dies zum einen durch eine schöne Antwort auf die exponierte städtebauliche Situation, wo mit den Kanten einer Hochhausscheibe im Westen und des langen, vergleichsweise flachen Sockelbaus ein öffentlicher Platz gebildet wird, der den neu gestalteten Bahnhofsvorplatz in seinen Proportionen spiegelt und die erhaltenswerte Platane als Fassung der Ostseite mit einschließt. Zum anderen überzogen die Architekten alle Gebäudeteile bündig mit einem strengen Hauskleid aus hellen Werksteinlisenen. Horizontal sitzen sie im schmalen Raster des Ausbaus nebeneinander, in der Vertikalen erfolgt die Gliederung jedoch zweigeschossig, um auf elegante Weise die wahre Geschosszahl zu überspielen.

 

kadawitt_ansicht

Siegerentwurf: Ansicht vom Deutzer Bahnhof. Quelle: kadawittfeldarchitektur, Aachen

 

Ein Bruch in der strengen Ordnung, die Weite des Rasters verdoppelt sich, markiert das Eingangsfoyer an der Schnittstelle von Hochhaus und Sockelbau. Von hier aus werden die Besucher über den zentralen Erschließungskern in die Höhe des Doppelturms geführt oder durch die großzügig angelegte Magistrale in die öffentlichkeitsrelevanten Bereiche des Sockels sowie die darüber und dahinter liegenden Büroebenen, die im hinteren Bereich um einen Garten angeordnet sind. Insgesamt 1010 Büroarbeitsplätze, sogenannte Layoutmodule, finden in Hochhaus und Sockelgebäude Platz, was den Bedarf der Bauherren etwas übertrifft, die Jury riet jedoch dazu, die großzügig angelegten Verkehrsflächen noch einmal zu überprüfen.

 

1452_Blatt1~1.pdf

2. Platz: Lageplan. Quelle: SAA Schweger Architekten GmbH, Hamburg

 

2. Preis: Die strenge Figur

SSA Schweger Architekten aus Hamburg überzeigten die Jury mit einer vergleichsweise einfachen und monolithisch ausgearbeiteten Kubatur aus einem 19geschossigen Turm auf quadratischem Grundriss, der von einer durchgehend 6geschossigen C-förmigen Sockelbebauung gefasst wird. Durch diese Fassung rückt der Turm vom Ottoplatz ab, die Stadtkante hier bildet allein die Mantelbebauung. Typologisch stellt dies einen Kompromiss zwischen der benachbarten Blockrandbebauug und dem Hochhaussolitär da, der an der Schnittstelle zwischen Alt-Deutz und MesseCity gut platziert ist. Ein Vorplatz kann dadurch zwar nicht ausgebildet werden, doch erfolgt die Erschließung von Hochhaus und Konferenzbereich über die Opladener Straße dem Ottoplatz gegenüber. Raum für die interne Erschließung bietet mit Aufenthaltsqualitäten das Foyer, das sich zum internen Hofgarten hin öffnet.

 

SSA_1

2. Platz: Ansicht vom Deutzer Bahnhof. Quelle: SAA Schweger Architekten GmbH, Hamburg

 

Auch der zweitplatzierte Entwurf wird durchgängig mit einer strengen, plastisch ausgeformten Rasterfassade aus hellem Betonwerkstein umhüllt und erscheint damit als eine Figur, was die Jury in dieser Situation als wohltuend empfand. Fraglich ist jedoch, ob es als Geste zur Stadt ausreichend ist, wenn das Raster in den unteren beiden Geschossen durch Auslassung jeder zweiten Vertikalen geweitet wird. Hier könnte die Geste deutlicher ausfallen.

 

barkow_Leibinger_Plan

Platz: Lageplan. Quelle: Barkow Leibinger Architekten, Berlin

 

3. Preis: Überraschend plastisch

Barkow Leibinger aus Berlin entwarfen ein Ensemble aus einem 19geschossigen Hochhaus, das gerade nicht fugenlos, sondern leicht eingedreht, aus dem Kopf einer sechsgeschossigen Mantelbebauung emporwächst. Diese entwickelt sich in Form einer Acht mit zwei Höfen nach Süden, wobei sich die abgestuften Gebäudehöhen an der Nachbarschaft orientieren. Entlang der Opladener Straße führt der Neubau die Flucht der Constantinhöfe fort und bildet mit einem Rücksprung rund um die Platane einen kleinen Platz aus. Mehr öffentlichen Raum gibt es nicht, eng wird es an der dem Ottoplatz zugewandten langen Front, in der auch der Haupteingang liegt. Die Aufweitung als Empfang wurde sozusagen in den Gebäudekomplex verlegt, wo ein Atrium als zentraler Verteiler für alle Nutzungsbereiche dient.

 

Barkow_Praesentation-1_1

3. Platz: Ansicht vom Auenweg. Quelle: Barkow Leibinger Architekten, Berlin

 

Schön wurde bei diesem Hochhaus die klassische Gliederung in Sockel, Schaft und Krone interpretiert. Im Zusammenspiel mit der hohen Plastizität der Fassade und den feinen Abweichungen der Fluchten vom rechten Winkel entsteht hier ein Gebäude, das seine Präsenz nicht allein über die Größe generiert, sondern über eine individuelle Formensprache. Leider sah die Jury in dieser konsequenten Haltung eine Konkurrenz zum Deutzer Bahnhof.

 

Anerkennungen wurden vergeben an

  • Staab Architekten, Berlin
  • JSWD Architekten GmbH, Köln
  • Rhode Kellermann Wawrowsky GmbH, Düsseldorf
  • Wittfoht Architekten, Stuttgart
  • Wulf Architekten GmbH, Stuttgart

 

Der vorgegebene Investitionsrahmen betrug vor dem Wettbewerb grob geschätzt 89,2 Millionen Euro brutto für die reinen Baukosten. Inklusive der Kosten für Rückbaumaßnahme sowie sämtliche Bauneben- und Planungskosten werden die Investitionen derzeit auf rund 145 Millionen Euro geschätzt.

Der voraussichtliche Baubeginn soll Mitte 2021 sein, die voraussichtliche Fertigstellung 2024.

 

Die Wettbewerbsarbeiten können werktags vom 13. bis 24. März 2017 von 9 bis 19 Uhr im (wunderschönen!) LVR-Landeshaus, Kennedy-Ufer 2, 50679 Köln angesehen werden.

 

 

Uta Winterhager

 

Lesen Sie zum Thema auch:

„It mustbe tall, every inch of it tall“ Zwei Beispiele der Kölner Hochhäuser aus den Sechziger- und Siebzigerjahren

Gebt uns Glamour!   Wettbewerb für das Casino am Ottoplatz mit zwei ersten Preisen entschieden

 

Warum will der LVR neu bauen, gibt es keine Alternativen wie z. B. eine Sanierung?
Stellungnahme des LVR: Die Errichtung eines Neubaus ist erforderlich, da der Büroflächenbedarf der LVR-Zentralverwaltung aufgrund von Aufgaben- und entsprechenden Personalzuwächsen stetig gestiegen ist und in den vorhandenen Verwaltungsgebäuden bereits seit Längerem nicht mehr gedeckt werden kann. Schon heute hat der LVR an sieben Standorten zusätzliche Büroflächen in Köln-Deutz angemietet.
Die Anmietungen verursachen durch die rasante Preisentwicklung auf dem Kölner Büroimmobilienmarkt einen hohen, kontinuierlich steigenden Mietaufwand und haben durch die räumlichen Entfernungen zwischen den Dienststellen negativen Einfluss auf die Arbeitsprozesse.
Mit Bezug des geplanten Neubaus stünde dem LVR ausreichend Bürofläche für bis zu 1.200 Mitarbeitende im Eigentum zur Verfügung, was zu deutlichen Einsparungen durch die Beendigung von Mietverhältnissen führen würde. Die Einsparungen würden schon in den ersten Jahren nach Bezug des Neubaus mindestens 1,0 Mio. EUR pro Jahr betragen.
Nach umfangreichen Prüfungen der möglichen Handlungsalternativen zur Sicherstellung des Büroraumangebots für die LVR-Zentralverwaltung auch unter Beteiligung eines externen Wirtschaftsprüfungsunternehmens, hat sich die politisch bereits beschlossene Variante, einen Neubau mit rd. 38.000 qm Bruttogeschossfläche (BGF) unter Einbindung eines Generalunternehmers errichten zu lassen, als die wirtschaftlichste und umlageschonendste Lösung herausgestellt.
Im Zuge der Prüfungen sind auch die erforderliche Generalsanierung des heutigen Gebäudes, die Errichtung eines Erweiterungsneubaus neben der Generalsanierung des Bestandsgebäudes sowie ein Investorenmodell mit Rückanmietung bzw. die Ausweitung von externen Anmietungen detailliert geprüft worden.

 

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.