Graue Architektur - diesen Begriff prägte Benedikt Boucsein für Bauten wie diese, deren Architekten meist unbekannt sind. Und doch, Fliesen als Fassadenmaterial sind bis heute nicht aus der Mode gekommen. © Christian Werner

Ein umstrittenes Phänomen deutscher Nachkriegsarchitektur

Markus Krajewski und Christian Werner dokumentieren Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur. 

Vielleicht lag der Grund auch in Witterschlick. Oder in Bonn und Osterath. Irgendwoher mussten diese Kacheln ja kommen, die die Deutschen zuhauf an ihre Häuser packten. Doch, Fehlanzeige, eine Karte aus den 50er Jahren zeigt es schon auf den ersten Blick: 16 „Produktionsstätten westdeutscher Feinkeramik“ hat Markus Krajewski für sein Buch recherchiert. Und, welch Wunder: Nur einige wenige liegen im Rheinland. Kurze Transportwege allein konnten also nicht der Grund sein, warum sich hier die 50er- und 60er-Jahre-Architektur ausgerechnet auf Keramiken fokussierte.

Fest steht: Im Kröner Verlag ist ein schmaler Band erschienen, der ein umstrittenes Phänomen deutscher Nachkriegsarchitektur thematisiert – die Kachel. Markus Krajewski hinterfragt darin, wie es dazu kommen konnte, dass zwischen 1948 und den frühen 60er Jahren die Fassaden unserer Städte komplettverkachelt wurden. Und man dafür Gründerzeitbauten – oder das, was von ihnen nach dem Krieg übriggeblieben war – von Stuck und Zierrat befreite und regelrecht „entdekorierte“. Ab 1953 hatte die Lobbystelle der deutschen Fliesenindustrie jedes Jahr ein „Fliesen-Taschenbuch“ herausgegeben, das neue Absatzrekorde vermeldete. Allein 1956, so liest man hier, wurden ganze 11,3 Millionen Quadratmeter Wandfliesen produziert. Nicht allein in Witterschlick, Bonn oder Osterath. Sondern deutschlandweit. Und, so schrieb 1957 Hans Wolfenter: „Die Verwendung der feinkeramischen Fliese und des feinkeramischen Kleinmosaiks für Fassadenverkleidungen findet zunehmende Aufmerksamkeit. Die in den letzten Jahren gesammelten Erfahrungen berechtigen zu einer günstigen Prognose für die Zukunft.“

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Alles so schön gekachelt und gerade deshalb vielleicht liebenswert? Die Kölner Nord-Süd-Fahrt. © Christian Werner

 

Was vor dem Krieg vor allem in den Benelux-Ländern anzutreffen war – etwa in Bäckereien und Metzgereien – oder in Südeuropa aufgrund der kühlenden Wirkung von Kacheln als Ornamente über Häuserfassaden wuchs, gehörte schon bald zum Standardprogramm westdeutscher Häuserverkleidungen. Zwar setzten auch prominente Baumeister wie Egon Eiermann auf Kacheln wie etwa für das Verwaltungsgebäude der Ruhrkohle in Essen. Grundsätzlich verbreitete sich die neue Fassadengestaltung aber über die „graue Architektur“, über die Masse an Wohnungs- und Verwaltungsbauten abseits großer Namen wie Wilhelm Riphahn, Rudolf Schwarz oder Oswald Mathias Ungers.

Ordnung und Struktur

Krajewski versucht, die Gründe dafür zu finden. Er beschäftigt sich mit dem Phänomen des Rasters in Architektur und bildender Kunst, mit Vorbildern und Nachahmern. Vor allem aber blickt er auf die Situation nach 1945 in Deutschland, auf die „Stunde Null“ und „Tabula Rasa“ im Städtebau. Durch die enorme Zerstörung der deutschen Städte hätten, so der Professor für Mediengeschichte und -theorie an der Universität Basel, die neuen Fassaden auch so etwas wie eine neue Ordnung in der Stadtplanung und Struktur ermöglicht: „Während im Horizontalen der parzellierten Fläche, in den Rastern der Boden- und Grundstücksverteilung, alles weitestgehend beim Alten blieb, zeigte sich in der Vertikalen der Bruch mit der Vergangenheit umso augenfälliger.“

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„Verstecken hinter Kleinkariertem“ hat Markus Krajewski diese Kölner Fassade in seinem Buch untertitelt. © Christian Werner

 

Dass sich sein Buch vor allem auf Köln bezieht, ist kein Zufall: 78 Prozent der Stadt waren nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört und die Rheinmetropole daher exemplarisch für den drängenden Wiederaufbau und die Wohnungsnot in Westdeutschland. Hinzu kommt der besondere Blick des Fotografen Christian Werner, der einen gesonderten Bildteil an Stadtansichten vornehmlich aus Köln beisteuert. Er hat die eigentümliche Schönheit bunter Fassadenelemente, harmonischer Keramikflächen und verstörender Brüche zwischen Alt und Neu eingefangen. Frontal, nüchtern – und würdigend denn herabmindernd.

Die Kachel heute

Kacheln sind fest, gebrannt, porenfrei – und vor allem abwaschbar. Sie halfen auch dabei mit, eine neue Ordnung und Ästhetik anzuzeigen. Ein „Kleiderwechsel als Zeichen einer neuen Ideologie“, so schreibt Krajewski. An deren Außenhaut heute allerdings die Risse und Schmutzflecken vergangener Jahrzehnte dominieren. Vielleicht ist das der einzige Wermutstropfen: Krajewskis bemerkenswerter, interessanter Band erklärt anschaulich, hintergründig und klug ein Phänomen architektonischer Außengestaltung. Er blickt quasi hinter diese „Oberflächen ohne Raffinessen“, nicht zuletzt, um das durch Verfall und Vernachlässigung „Entwürdigte zu würdigen“. Zu wenig wird allerdings die Frage thematisiert, wie mit den Kachelwänden unserer Städte in Zukunft umzugehen wäre – viel zu selten sind sie heute schließlich Thema des Denkmalschutzes.

Und noch ein Bereich bleibt ausgespart – unsere heutige Sicht auf die Kachel. Nicht zuletzt in Köln hätte es dazu einige interessante Beispiele gegeben.

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Offene Ganztagsschule an der Mainzer Straße © Lukas Roth

Etwa die Offene Ganztagsschule an der Mainzer Straße, die das Kölner Büro von JSWD Architekten 2007 mit Glasfliesen in verschiedenen Grüntönen verkleiden ließ.

Oder das Wohnhaus, das die Architekten von b&k+ brandlhuber & kniess bereits Ende der 90er Jahre in eine Baulücke am Eigelsteiner Stavenhof errichtet hatten. Einzelne Module – verkleidet mit Fassadenfliesen.

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Wohnhaus Stavenhof © Michael Reisch

Grau-bläulich schimmernd, gewölbt und eine Erinnerung: an die Kachelfassaden der umliegenden Gebäude. Und den „rheinischen Klinker“ der Nachbarschaft.

 

Annika Wind

 

Markus Krajewski: Bauformen des Gewissens. Über Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur. Mit Fotografien von Christian Werner. Alfred Kröner Verlag, 192 Seiten, 19,90 Euro.

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3 Antworten auf “Alles so schön jekachelt!”

  1. kachelmann

    natürlich gibt es ganz schreckliche kachel-häuser! aber es gibt auch sehr gute! und in diesem zusammenhang möchte ich auf diesem fach-portal mal anmerken, dass ich die fassaden-sanierung des „haus des tanzes“ auf der apostelnstrasse für ein weiteres schmerzvolles beispiel dafür halte, wie gute nachkriegsfassaden unter dem oftmals ja berechtigt schlechten ruf der vielen hässlichen nachkriegsfassaden leiden – indem sie nämlich zerstört werden. ich kann nur jedem raten, sich das auf der apostelnstrasse mal anzuschauen. die alte fassade war nicht mehr schön gepflegt, ja! – aber dieses grau in grau jetzt? auch nicht die lösung… immerhin ist die leuchtreklame geblieben. ein weiteres bsp.: die mosaik-fassade des alten runden benetton-eckhauses auf der schildergasse. einfach mit putz überspachtelt. das ist auch schade. ich prognostiziere, dass die kachel-fassade in 20 jahren nur noch ein exot in NRW sein wird. zeit, dass der denkmalschutz hier bei dem einen oder anderen kölner „schmuckstück“ mal genauer hinschaut! aber bitte nicht bei allen 😉 kachel ist nicht gleich kachel…

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    • Nina Hube

      Darf ich als die Architektin der Sanierungsmaßnahme in der Apostelnstrasse dazu vielleicht ein paar Dinge zur Ehrenrettung anmerken ?

      Ein Bau aus der Zeit ist ja konstruktiv immer eher ein Überraschungsei…
      So ist hier z.B. der ehemals schwarze Brüstungsbereich im Bestand aus Gipsdielen konstruiert, darauf eine Sauerkrautplatte befestigt und dann mit Riemchen beklebt.
      Ich möchte behaupten, die Brüstungen hingen an den dahinter befindlichen Heizkörpern, nicht umgekehrt…
      Wir hatten ursprünglich geplant, dort wieder etwas keramisches anzubringen, das war leider aufgrund der erwähnten Gegebenheiten nach den durch die EnEV geforderten Standards nicht machbar.
      In einer heute zugelassenen Ausführungsweise hätten wir soviel Alu-UK auf die Fassade dengeln müssen, dass uns das -nicht zuletzt im Hinblick auf den Umweltaspekt (Alu ist in der Herstellung leider brutale Schweinerei, deswegen sind die Fenster übrigens auch aus Stahl) wenig sinnvoll schien. So war ein WDVS hier -aus unserer Sicht- die einzige vertretbare Lösung.
      Das haben wir immerhin aus Mineralwolle und Silikatputz so umweltvertäglich wie möglich herstellen lassen. Aber bei Silikatputzen/farben ist leider auch die Farbauswahl ziemlich eingeschränkt, dunkler als jetzt ausgeführt ging leider nicht, wir hätten das auch wirklich gern anders gehabt-
      Die fensterlosen Bereiche der alten Fassade bestanden aus 4mm starken Fliesenriemchen in 4cm Dickbettmörtel auf Betonsteinen.
      Für eine kleinformatige Keramik auf Trägerplatten geklebt, gibt es derzeit keine in Deutschland zugelassene Konstruktion. Bedauerlich, aber ein Fakt.
      Für Natursteine gibt es immerhin dieses eine zugelassene System und die 20er Höhe der Steinplatten ist definitiv die kleinste Abmessung, die zu kriegen ist.
      Wir hätten sogar einen etwas gelberen Stein bekommen können, der wäre dem Original näher aber aus Brasilien importiert gewesen, auch das wollten wir nicht.
      Dieser kommt jetzt aus Niederbayern, das fanden wir vertretbar.
      Wir haben uns also -soweit wie möglich- an die alte Farbgebung angelehnt.

      Schade, dass das offensichtlich nicht ’so offensichtlich‘ ist .

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  2. Anke von Heyl

    Der Instagram-Account @carreau_de_cologne sammelt auch bemerkenswerte Kachelbeispiele aus Köln. Ich weiß leider nicht, wer dahintersteckt. Aber gerade durch die vielen Beispiele aus Köln wird der Blick geschult und wenn ich nun durch die Stadt laufe, sehe ich an jeder Ecke wunderbare und auch qualitätsvolle Beispiele.

    Vielen Dank für den tollen Artikel. Das Buch muss ich mir direkt mal besorgen.

    Herzliche Grüße
    Anke von Heyl

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