Clouth Gelände: Noch sind die leeren Fenster der straßenbegleitenden, nach allen Seiten abgestützten Fassade in alle Richtungen durchlässig. In ein paar Monaten wird der Raum hinter der Hülle mit Neubauten gefüllt sein. Zwischen Tor 1 und der Halle 29 entsteht ein drei- bis viergeschossiger Gewerbehof, als Loftgebäude für Büro, Gewerbe, Ateliers und Wohnen nach Plänen des Kölner Büros Lepel&Lepel. Hier werden auch einige der auf dem Grundstück ansässigen Künstler eine neue Bleibe finden. Daneben entstehen unter Einbeziehung der alten Fassade Townhouses. Foto: Barbara Schlei

BDA Landesreihe diskutiert Wege aus der Wohnungsnot

Wohnen und Wohnungsbau sind aktuell die am häufigsten diskutierten Fragen im Architektur- und Städtebaukontext. Ohne sich in utopischen Forderungen um den dringend benötigten Wohnraum in unseren Großstädten zu verlieren, ist die Diskussion auf städtebaulicher Ebene schon schwierig genug zu führen. Doch auch der Blick auf die gebaute Architektur zeigt in zahlreichen Veranstaltungen, Ausstellungen und Vorträge, die große Lücke, die zwischen eindrucksvollen Wohnbauideen und der Realisierung bedeutungsloser Standardprojekte klafft.

Zu eng ist häufig das Korsett der bestehenden Vorschriften, vor allem aber mangelt es an Beweglichkeit aller am Bau beteiligten Akteure. Doch es ist möglich, innovativen, zeitgemäßen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, denn es gibt sie, gute Projekte, die das verdeutlichen. Wir müssen umdenken, neu denken und Innovation wagen, um die große Nachfrage nach Wohnraum mit Qualität zu beantworten.

Wohnungsbau und Städtebau- ein ungeklärtes Verhältnis

In einer dreiwöchigen Veranstaltungsreihe in neun nordrhein-westfälischen Städten hat sich in diesem Herbst auch der BDA der Frage nach gutem Wohnraum angenommen. In welcher Form sich die einzelnen BDA Gruppen mit der Thematik auseinandersetzen, ob sie praxisnah oder auf einer theoretischen Ebene arbeiteten, Potentiale oder Ergebnisse diskutierten, oblag den einzelnen Organisatoren. Dabei zeigt die Bandbreite der Veranstaltungen beispielsweise aus Dortmund (Gespräche und Konzerte in einer Nachbarschaft), Düsseldorf (Kamingespräch), oder Bonn (Impulsvorträge und Projektworkshop) wie facettenreich sich das Thema des aktuellen Wohnungsbaus lokal verorten lässt. Teils sind es wichtige Projekte der Städte, die diskutiert wurden, teils die beteiligten Akteure, die auf ein Podium gebeten wurden, um eine eigene Antwort auf den unter Druck geratenen Wohnungsbau zu formulieren.

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Wien blickt auf eine lange Tradition im sozialen Wohnungsbau zurück. So lassen sich die Wohnungsbauprojekte mit enormer Dichte und Höhe einordnen, die Frank Schilder vom Büro BKK-3- Architektur zeigte. Grafik: BKK-3-Architektur.

 

In Köln haben die Initiatoren mit zwei Veranstaltungen eine interessante Brücke zwischen aktuellen Kölner Wohnungsbauprojekten und einem Blick über die Grenzen hinaus bis in die Nachbarländer Niederlande und Österreich geschlagen. Und um es schon vorwegzunehmen: auch hier wird an einigen Projekten deutlich, dass Innovation nur möglich ist, wenn alle Beteiligten es wirklich wollen. Unter dem Thema „Wohnungsbau und Städtebau- ein ungeklärtes Verhältnis“ stand das BDA Montagsgespräch Ende Oktober und stellte damit die Frage, ob nicht auch die stadtplanerischen Rahmenbedingungen beispielweise im Bereich Bebauungsdichte, Bautypologie und Stellplatzverordnung grundlegend überdacht werden müssen. Frank Schilder vom Büro BKK-3-Architektur aus Wien zeigt dazu beeindruckende Wohnungsbauprojekte, die trotz enormer Dichte und Höhe gute Qualitäten sowohl in den Wohnungstypologien als auch in der Außenraumqualität erhoffen lassen.

 

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Montmartre Housing Paris, Atelier Kempe Thill. Zwei kompakte Wohnbauten mit 55 Sozialwohnungen und Tiefgarage fassen einen Gemeinschaftsgarten. Alle Wohnungen hinter der Ganzglasfassade haben flexible Grundrisse und außenliegende Vorhänge gegen neugierige Blicke. Fotos: Atelier Kempe Thill

 

Und Oliver Thill vom Atelier Kempe Thill aus Rotterdam geht sogar noch einen Schritt weiter: Für ihn muss der Städtebau eigentlich der gewünschten Typologie folgen und nicht wie derzeit notwendig umgekehrt. folgerichtig stellt er sich in seinen spannenden Projekten zunächst die Frage, welche Wohntypologien wir eigentlich heute benötigen, um gut aber auch günstig bauen und wohnen zu können. Es zeigt sich an diesem Vortragsabend schnell, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen und der politische Wille für die dringend notwendigen neuen Konzepte eine Grundvoraussetzung sind, die in Deutschland nur schwer zu erreichen ist. Wien blickt hier auf eine sozialpolitische Wohnbautradition seit Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, die keinen Vergleich kennt. Sie bildet den Nährboden für innovative Wohnformen, neue Typologien und hybride Nutzungen jenseits reiner Spekulationsobjekte. In den Niederlanden versucht der städtebauliche Masterplan anders als die deutsche eher restriktiv ausgerichtete Bauleitplanung zwischen Städtebau und Architektur zu vermitteln, um neue Ergebnisse zuzulassen. Aber auch in Deutschland gibt es gute und sogar altbewährte Modelle für günstigen und guten Wohnraum wie Werner Nussbaum von der Ehrenfelder Genossenschaft zeigte.

Neues Wohnen in der Stadt

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Die Halle 17, in der geografischen Mitte des Areals, ist durch ihre enorme Größe von 125 Länge, 35 Meter Breite und 16 Meter Höhe der eindrucksvollste Bau auf dem Clouthgelände. Leider wird außer Ihrer charakteristischen Backsteinfassade nicht viel von ihr übrig bleiben. Foto: Ragnhild Klußmann

 

Im zweiten Teil der Veranstaltungsreihe ging der BDA Köln Anfang November auf Tour. Die Exkursion „Neues Wohnen in der Stadt“, die sowohl Fachpublikum, als auch interessierte Laien ansprach, zeigte in einer vierstündigen Bustour die große Bandbreite aktueller Wohnungsbauprojekte, kompakt und persönlich vergleichbar.

Von der klar strukturierten Groß-Baustelle des Clouth-Geländes in Nippes, die leider wenig von der Geschichte des Ortes übrig lässt, ging es zum historisch anmutenden Premiumwohnen im verdichteten Gerling-Quartier. Und schließlich bis zu einer ganz auf Nachhaltigkeit eingestellten Baugruppe in Sülz, die lieber privaten Wohnraum spart und dafür ein Passivhaus mit Gemeinschaftsflächen plant.

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Mit einer dichten Packung Baugruppenatmosphäre fand die Exkursion auf der Dachterrasse der Sülzer Freunde (Architekt KLaus Zeller) ihren Abschluss. Foto: Larissa Liebald

Sehr unterschiedlich sind die Antworten der Entwickler, Architekten und Nutzer, wenn es um die Frage nach dem guten und preiswerten Wohnraum geht. In Ehrenfeld baut die Kirche mit dem Ernst-Flatow Haus besonders günstig und sozial. Das Quartier am Grünen Weg, nur wenige Meter davon entfernt, zeigt sich eher urban und auf Mischung ausgerichtet. So ganz vorne dabei in der Entwicklung von aktuellen Wohnungsbautrends ist Köln aber auch mit diesen Projekten keineswegs. Für ein echtes Umdenken fehlt es hier wie anderswo noch immer am gemeinsamen Willen von Politik, Stadt und Entwicklern. Dazu wird man auch in Köln weiterhin über den Tellerrand schauen müssen.

 

Ragnhild Klußmann

 

 

BDA Exkursion: „Neues Wohnen in der Stadt“: Clouth, Gerling, Ernst Flatow Haus, Grüner Weg und Kinderheimgelände

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