Beton hält viel aus, doch die Meinung der Schüler über das Material ist nicht nur positiv. Foto © Uta Winterhager

Joachim Schürmann zum 90. Geburtstag. Wir gratulieren und betrachten das Bonner KFG

Am 24. September 2016 feiert Joachim Schürmann seinen 90. Geburtstag. Geboren in Viersen, studierte er Architektur an der TU Darmstadt und ließ sich 1956 mit seinem ersten Büro in Köln nieder. Bis zu ihrem Tod 1998 arbeitete er mit seiner Frau Margot zusammen, so ist es wenig verwunderlich, dass auch die vier gemeinsamen Kinder Architekten geworden sind. 1966 kehrte Schürmann selbst als Professor für Entwerfen an die TU Darmstadt zurück. In den über vier Jahrzehnten seines Schaffens gewann das Büro Schürmann über 50 erste Preise bei Wettbewerben. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Deutsche Architekturpreis 1981 für den Wiederaufbau von Groß Sankt Martin und 1991 für das Postamt Köln 3. Der Bund Deutscher Architekten würdigte 2008 das Lebenswerk von Margot und Joachim Schürmann mit dem alle drei Jahre verliehenen Großen BDA-Preis.

Bemerkenswert an den Arbeiten des Büros Schürmann ist der innovative Gedanke, der jedem von ihnen innewohnt. Eine Familie mit vier Kindern, bei denen beide Eltern ein gemeinsames Architekturbüro führten, war in den 60er Jahren eine Seltenheit. So wunderten sich auch die Lindenthaler Nachbarn über das Wohn- und Bürohaus der Familie in der Enckestraße, das ihnen zunächst wie eine Tankstelle (siehe Architekturführer KÖLN) erschienen war. Der Bau des Bonner Abgeordnetenhauses, das 1991 erst durch ein Hochwasser massiv beschädigt wurde und dann von seinen zukünftigen Nutzern wegen des Regierungsumzugs noch vor der Fertigstellung verlassen wurde, bedeutete für das Büro, aber auch für den Menschen Joachim Schürmann eine tiefe Krise. Heute jedoch trägt das Gebäude, das als Funkhaus für die Deutsche Welle vollendet wurde, stolz den Namen seines Erbauers – es ist der Schürmannbau. Schürmannbauten gibt es zahlreiche, Kirchen, Wohnhäuser, Verwaltungsbauten – viele von ihnen waren ihrer Zeit weit voraus. Eines dieser Bauwerke ist das Bonner Kardinal-Frings-Gymnasium, das wir an dieser Stelle vorstellen möchten.

Zuvor aber noch unsere herzlichen Glückwünsche an Joachim Schürmann, wir haben ihm viel zu verdanken.

Anfang der 1960er Jahre plante das Erzbistum Köln den Bau seines ersten und bislang einzigen selbst begründeten Gymnasiums, dem Kardinal-Frings-Gymnasium in Bonn-Beuel. Den dazu ausgelobten Wettbewerb, gewann das noch junge Kölner Büro von Margot (*1924-1998) und Joachim Schürmann (*1926), die damit ihr erstes großes Projekt realisieren konnten.

_mg_9217

Joachim Schürmann bei der Besichtigung der Schule im September 2016. Foto © Uta Winterhager

 

Ostern 1967 wurde das Erzbischöfliche Kardinal-Frings-Gymnasium (nur für Jungs!) eröffnet. Gut fünfzig Jahre später, am 11. September 2016, hat die Schule (inzwischen werden hier Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet) Joachim Schürmann noch einmal eingeladen, diesen Jahrestag am Tag des offenen Denkmals gemeinsam zu feiern. Der inzwischen 90jährige Architekt erinnert sich noch gut an den Planungsprozess, an dessen Ende eine offene, in die Rheinauen hineingebaute Lernlandschaft mit Klassentrakten, Aula, Lehrerhäusern, Schwimmhalle und Sportanlagen stehen sollte, an die Diskussionen über einfache, erdhafte Materialien wie Sichtbeton, Holz und Stein und den Verzicht auf kleinliche Details und an das Einswerden von Innen und Außen mit Höfen, Gärten und den dadurch überall möglichen, vielfältigsten Blickbeziehungen.

Obwohl die Architektur im nordrhein-westfälischen Curriculum für den Kunstunterricht kein Thema ist, gab es am KFG lange Zeit eine Architektur-AG. Gabriele Wix, die die AG leitete, ist heute nicht mehr dort als Lehrerin beschäftigt, konnte aber dennoch Schülerinnen des Kunst-Leistungskurses dafür gewinnen, interessierten Besuchern ihre Schule am Tag des offenen Denkmals zu erklären – mit ihrer ganz eigenen Sichtweise, geprägt durch ihre tägliche Nutzung des Gebäudes.

Die nachfolgende Baubeschreibung hat uns Dr. Gabriele Wix, die lange am KFG Kunst unterrichtet hat und nun am Institut für Germanistik und vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn arbeitet, freundlicherweise für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt:

 

_mg_9205

Einen Haupteingang hat die Schule nicht, dafür öffnet sie sich mit 22 Türen in alle Richtungen. Foto © Uta Winterhager

Die neue Schule

Schürmanns Architektur entspricht von Anfang an nicht den gängigen Erwartungen an eine Schule, und tatsächlich ist eine mögliche anderweitige Nutzung immer schon mitbedacht. Ebenerdige Gebäudekomplexe verteilen sich auf einer großzügigen Freifläche, ehemaligem Ackerland. Das Areal erstreckt sich über zwei Straßenzüge – im Norden die Rudolf-Hahn-, im Süden die Elsa-Brändström-Straße – bis hinunter an den Rhein. Der Architekt nimmt natürlichen Eigenarten des Geländes auf, besonders die flache Terrassierung zum Rhein hin, und unterstreicht sie durch die Staffelung der Baukörper, abfallend zum Ufer.

_mg_9218

Der unterste Klassentrakt rheinseitig. Foto © Uta Winterhager

Lernlandschaft Rheinaue

Vier Bauabschnitte fügen sich heute ineinander, architektonisch klar gegliedert entsprechend ihrer jeweiligen Funktion. Den ersten Bauabschnitt bildeten der Verwaltungstrakt, als einziger zweigeschossig mit Klassenräumen im Obergeschoss, und der um einen lichten Innenhof gruppierte musische Bereich mit Aula, Musik- und Kunsträumen. Zum Kernbestand gehören ebenso der naturwissenschaftliche Trakt mit zahlreichen, unlängst renovierten Physik-, Chemie- und Biologiesälen, einem Seelsorgeraum, heute zum Raum der Stille umgewidmet, sowie die Sporthallen und Außenanlagen. Lange galt das Schulschwimmbad mit seiner beeindruckenden Fensterfront und dem weiten Blick über das Terrain bis auf den Rhein als Alleinstellungsmerkmal. Auch wenn es inzwischen aus Kostengründen aufgegeben wurde, blieb die Architektur als Gymnastikhalle erhalten. Ein Mittelstufentrakt folgte 1973, darauf ein oberlichtdurchfluteter Oberstufentrakt, und 2014 wurde die Mensa fertig gestellt, die als ein Meisterwerk des Nichts gilt: Eine filigrane Struktur aus Glas, Metall und Holz, die in die Staffelung der Gebäude zum Rhein hin so unsichtbar einbezogen ist, dass sie sich ohne jegliche Brüche in die Bestandsarchitektur einfügt, obwohl sie 150 Lernenden und Lehrenden Platz bietet, sei es zum Essen, Arbeiten oder Gespräch.

_mg_9207

Sichtbeton für die Jungs: Im Treppenfoyer wurde vor 25 Jahren (schon /noch?) heftig gefeiert. Seit 1989 haben sich hier alle Abijahrgänge verewigt. Foto © Uta Winterhager

Sehen lernen

Bei den Gebäudekomplexen arbeitet Schürmann mit wenigen Materialien: Sichtbeton, gegossen in einer aufwendigen Verschalung aus ungehobelten Brettern, Naturstein, Glas und Holz im Innen- wie im Außenbereich. Die Kuben der einzelnen Gebäudeteile sind durch Grünflächen und Innenhöfe gegliedert. Grenzen zwischen Innen und Außen sind aufgehoben. So setzt sich die rohe Betonstruktur der Außenfassade im Innenraum fort. Bodentiefe Fensterausschnitte vermeiden durch geschickte Gliederung jeglichen Schaufenstereffekt und lassen das Tageslicht über den Boden fließen. Immer wieder gibt es unerwartete Ausblicke. Ein auf Bodenhöhe als quer liegendes Rechteck ausgeschnittenes Fenster im kleinen Treppenaufgang am Lehrerzimmer verbindet den Treppenabsatz optisch mit dem Terrassenboden, so dass man im Hinaufgehen auf verfremdet versetzten Ebenen den Schülerströmen draußen mit den Augen folgen kann. In manchen Eckräumen gibt der Luxus eines zusätzlichen, schmalen hohen Fensterausschnitts den Blick in die Natur als gerahmtes Bild frei. Ein Baum gilt Schürmann so viel, dass er die Architektur um ihn herum organisiert.

Die Klassenräume sind jeweils nur zu einer Seite hin um ungewöhnlich breite Flure mit bodentiefen Fenstern angeordnet. Überaus großzügig ist die Lichtführung; jeder Klassenraum gewinnt Licht von zwei gegenüberliegenden Seiten. Die Fenster blicken zum Rhein oder auf das Schulgelände, dessen gepflasterte Spiel-, Aufenthaltsflächen und Wege von hohen Bäumen und Grünflächen unterbrochen sind.

_mg_9229

In diesem Kunstraum blieb die rote Sonderfarbe erhalten. Besonderes Kennzeichen ist auch die beidseitige Belichtung, die es in allen Räumen gibt. Foto © Uta Winterhager

Eine Schule ist eine Schule

Das Kardinal-Frings-Gymnasium in Bonn-Beuel zeigt, was man an jedem einzelnen der Bauvorhaben des Kölner Architekten Joachim Schürmann hätte zeigen können: Schürmann-Architektur ist graphisch und genau. Und: Schürmann-Architektur ist grün. Es spiegelt die Vorliebe des Architekten für die feine graphische Struktur, die er in Spannung zu den großen Baumassen zu setzen weiß, seinen Sinn für die Gliederung der Flächen durch vertikale und horizontale Strukturen und für die Rhythmisierung der Bauvolumina durch Innenhöfe und Fensterausschnitte, die den Blick lenken. Es spiegelt die große Genauigkeit des Architekten, seine Liebe zur Geometrie, zur einfachen Form, und es zeigt neben dem Homo faber den Homo ludens, der mit einem wohl überlegten Einsatz hochwertiger Materialien und einem künstlerischen Arrangement von Bäumen, Rankpflanzen und Wasser die Strenge des rechten Winkels umspielt und – konsequent jede „künstliche Wohnzimmerintimität“ von sich weisend – Orte schafft. Schürmann-Architektur.

Gabriele Wix

 

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.