Auch der Wahlkampf in Köln findet nicht ohne den Dom statt. Die beiden Spitzenkandidaten Henriette Reker und Jochen Ott vor gotischer Kulisse.

Auch wenn am 13. September nun nicht gewählt wird, die Frage nach der Baukulturellen Haltung der Spitzen-Kandidaten bleibt aktuell.

An Engagement und Konzepten für die bauliche und verkehrsplanerische Entwicklung der Stadt mangelt es nicht. Dennoch bewegt sich schmerzhaft wenig. Wie verorten sich die beiden Kandidaten für das oberste Amt der Stadt in Hinblick auf baukulturelle Fragen, auf was kann man hoffen? Wir haben Henriette Reker, parteilos und unterstützt von Bündnis 90/Die Grünen, CDU und FDP, und dem SPD Kandidaten Jochen Ott einen Architektur-Fragebogen vorgelegt.

 

Wie wohnen Sie? Würden Sie gerne anders wohnen?

Henriette Reker: Ich wohne mit meinem Mann in einer großzügigen Zweizimmer-Wohnung und wir hätten gerne einen weiteren abgeschlossenen Raum wie früher. Aber wichtiger war es für mich, in Köln zu wohnen.

Jochen Ott: Ich wohne mit meiner Frau und meinen drei Töchtern in einem Haus in Nippes. Wir fühlen uns dort sehr wohl, denn hier können unsere Kinder aufwachsen und Nippes ist ein sehr lebendiger Stadtteil.

Gibt es im Bereich der Architektur ein Thema, das Sie besonders interessiert, z. B. ein bestimmter Architekt, eine Epoche, eine Gattung, etwa die Landschaftsarchitektur?

HR: Mich interessiert vor allen Dingen das Zusammenwirken verschiedener Epochen, Entwicklungen und Architekturen und wie die Menschen damit umgehen, denn erst aus dieser Essenz wird Stadt. Tatsächlich werden Städte gebaut, wir aber sprechen davon, dass sie wachsen und nichts drückt treffender aus, was Stadt wirklich ausmacht.

JO: Ich mag die „klare Kante“  von Mies van der Rohe. Ein toller Architekt, der sich auch immer sehr darum bemüht hat, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der architektonisch ansprechend ist. Ich finde aber auch zeitgenössische Architekten sehr spannend, z.B. die Arbeiten von Renzo Piano oder Rem Koolhaas. Ihnen begegnet man in vielen Städten auf der Welt immer wieder. Mich fasziniert dabei besonders, wie sie die Atmosphäre und den Charakter einer Stadt aufnehmen und durch ihre Gebäude doch immer wieder neue Impulse setzen. Mich begeistern aber auch ganz neue Wege, wie sie zum Beispiel gerade das Architekturbüro WOHA mit der grünen Architektur in Singapur erprobt. Ich finde es spannend zu sehen, wie hier die Natur zurück in die Stadt geholt wird.

Köln sollte sich eine Scheibe abschneiden von …. und zwar weil ….

HR: Städtevergleiche sind immer sehr problematisch, jede Stadt ist unverwechselbar und muss ihren eigenen Weg finden. Sehr konsequent und manchmal auch radikal hat z.B. unserer Partnerstadt Barcelona gezeigt, wie man mit den Talenten einer Stadt umgeht. Die Öffnung zum Meer, die Schaffung neuer öffentlicher Räume mit hoher Qualität, die auch das Wohnen in der Innenstadt stärken, haben der Stadt einen großen Schub gegeben. Auch Frankfurt am Main hat in den letzten Jahren seine Lage am Fluss genutzt, neue innerstädtische Räume geschaffen, sein Stadtbild verbessert und so die Lebensqualität in der Stadt sehr gesteigert.

JO: Kopenhagen und zwar weil Kopenhagen heute eine moderne Metropole ist, von der wir viel lernen können. Kopenhagen ist nicht über Nacht zu der Vorzeigestadt geworden, die heute von vielen Experten gelobt wird. Die Stadt hat sich ganz bewusst entschieden, einen langen Weg zu gehen hin zu einer attraktiven Stadtmitte, neuen Wohnformen und auch modernen Architektur. Dazu braucht es vor allem den Mut zu richtigen Entscheidungen an der Stadtspitze und die Fähigkeit, Bürger und auch die Mitarbeiter in der Stadtverwaltung für diese Ziele zu begeistern.

Wenn es eine Skala gäbe für baukulturelle Vollkommenheit von 0 bis 100, wo stünde Ihrem Gefühl nach die Stadt Köln?

HR: Auf dieser Skala stünde Köln für mich bei 66, weil alle Zutaten wie die Lage am Strom, der Stadtgrundriss, die Grünzüge stimmen, aber die Qualität der öffentlichen Räume und mancher Bauwerke noch besser sein könnte.

JO: Ich würde sagen bei 50. Wir haben einige Bausünden aus der Vergangenheit, vor allem in den Großsiedlungen der 60er und 70er Jahre und zahlreiche einzelne Bausünden. Aber mittlerweile auch ansprechende Architektur, wie z.B. den Rheinauhafen als Ensemble oder das Weltstadthaus.

Was ist der wichtigste Grund, aufgrund dessen Sie diese Einordnung vorgenommen haben?

HR: Wären bereits mehr Projekte des Masterplanes von Albert Speer umgesetzt, so wäre diese Einordnung höher erfolgt.

JO: Dies ist meine persönliche Einschätzung aufgrund meiner Eindrücke der Stadt.

Wir wollen mal wild wünschen: Welches städtebauliche Projekt würden Sie am liebsten jetzt sofort realisieren?

HR: Der Umbau der Ringe zu einer qualitätvollen Flaniermeile ohne Raser mit Angeboten und Aufenthaltsqualität für Alle.

JO: Wir haben viele interessante und wichtige städtebauliche Projekte, wie die Entwicklung des Mülheimer Südens inkl. Hafens, der Parkstadt Süd und der Umgestaltung des Deutzer Hafens. Ein besonderes Anliegen ist mir jedoch die Neugestaltung der Historischen Mitte Kölns südlich des Doms mit einem Neubau für das Kölnische Stadtmuseum, die Verwaltung des Römisch-Germanischen Museums und die Kurie südlich des Roncalliplatzes. Diese einmalige Chance, die wir auf Initiative des jetzigen SPD-Oberbürgermeisters angehen, müssen wir unbedingt nutzen!

Und wenn wir uns eine Abrissbirne vorstellen, welches Gebäude erwischt es zuerst?

HR: Das Archivgebäude des WDR über der Nord-Süd-Fahrt

JO: Das Gebäude des ehem. Hertie-Kaufhauses in der Porzer Mitte! Die Neugestaltung des Porzer Zentrums ist mir ein besonderes Anliegen! Dieser Stadtteil hat leider zulange mit dem Leerstand des ehem. Hertiegebäudes in der Ortsmitte leben  müssen. Die Menschen in Porz haben etwas Besseres verdient. Ich hoffe, der Stadtrat wird im September einen Grundsatzbeschluss treffen, wie die Porzer Ortsmitte zukünftig gestaltet werden soll. Dafür habe ich mich stets eingesetzt! Ich bin überzeugt, wir werden in der Porzer Mitte eine städtebaulich und architektonisch ansprechende Neuordnung mit Einzelhandel und Wohnungen hinbekommen.

Was wäre Köln ohne Dom?

HR: Sehr schwer vorstellbar, aber immer noch eine sehr lebendige und pulsierende Großstadt.

JO: Köln ohne den Dom? Man würde der Stadt ihr Herz herausreißen! Das kann keiner wollen. Der Dom ist für mich nicht nur ein besonderer Ort, sondern auch Sinnbild für die Kölner Stadtgeschichte. Die Geschichte des Dom streift auch alle prägenden Phasen der Kölner Geschichte. Von der Antike, ich denke hier nur an die nördlichen Fundamente, über den Baubeginn 1248 zur mittelalterlichen Blütezeit, über die lange Baupause in der Neuzeit und schließlich die Vollendung mit modernsten Bautechniken im späten 19. Jahrhundert. Nicht zu vergessen, dass der Dom den Zweiten Weltkrieg überstanden hat. Der Dom ist damit auch Sinnbild der Stadt, hat sie geprägt und wurde von ihr geprägt.

„It is very cheap to be nice to people in terms of city planning,“ sagte der dänische Stadtplaner Jan Gehl bei einem von der Stadt mit organisiertem Vortrag vor einem Jahr. Die Vorstellungen von weniger KfZ Verkehr in der City und mehr Platz für Passanten sind mittlerweile breiter Konsens. Warum werden Sie es im Gegensatz zu Ihren Vorgängern schaffen, sie durchzusetzen?

HR: Die Zeit ist reif dafür.

JO: Weil ich eine klare Richtung in der Verwaltung vorgeben und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Ideen und Visionen begeistern werde. Mir ist es lieber, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter packen an, treffen Entscheidungen  und machen auch mal einen Fehler. Das ist besser als darüber zu lamentieren, dass Pläne für notwendige Projekte in der Schublade liegen und man nicht weiterkommt. Gute Ideen gehören auf den Tisch und dann umgesetzt! Bei mir bekommt jeder volle Rückendeckung, der sich seiner Verantwortung stellt und Dinge anpackt. So werden wir auch die Kölner Innenstadt attraktiver für Fußgänger und Radfahrer machen. Eines ist dabei aber auch klar. Großprojekte werden wir in Zukunft nur im Konsens mit der Bürgerschaft realisieren können. Deshalb mache ich mich für eine zeitgemäße und vor allem frühzeitige Einbindung der Bürgerschaft stark.

Ein Verb, das Ihre Aktivitäten für die Kölner Baukultur in den nächsten Jahren auf einen Nenner bringt:

HR: pflegen

JO: Umsetzen. Und zwar richtig. Denn in den kommenden Jahren kommt es darauf an, gute Ideen umzusetzen. Dafür stehe ich.

Die Fragen stellte Ira Scheibe

 

 

Am 1. September um 19:00 Uhr können Sie die beiden Spitzen-Kandidaten, Henriette Reker und Jochen Ott live erleben.
Baukulturelle Prüfsteine zur OB-Wahl: Eine Öffentliche Diskussion mit Henriette Reker und Jochen Ott zu Stadtentwicklung und Baukultur in Köln im Haus der Architektur Köln.

 

 

Die Kandidaten:

Henriette Reker (59) ist Juristin. Als Beigeordnete für Soziales, Integration und Umwelt in Köln ist sie für ihr Krisenmanagement bei der Unterbringung von Flüchtlingen aufgefallen. Die Parteilose wird von Bündnis 90/Die Grünen, CDU und FDP unterstützt.

 

Jochen Ott (41) ist Abgeordneter des NRW Landtags und stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion. Bevor er sich beruflich der Politik widmete, arbeitete er als Lehrer für Geschichte und Sozialwissenschaften.

 

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