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"Hotel Shanghai" von Dratz und Dratz Architekten, Oberhausen. Foto: Tomas Riehle

Was beschäftigt die jungen Kreativen? Der BDA Köln lässt sie zu Wort kommen.

Sehr verschieden waren die acht Antworten, die am Montag im Domforum zum Thema „Junge Gestalter stellen sich vor“ zu hören waren. In mittlerweile schon bewährter Tradition hatte der BDA Köln unter dem Titel „Junge Positionen“ Architekten, Designer, Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Künstler eingeladen, sich für einen Kurzvortrag zu bewerben. Gefragt wurde nach dem Selbstverständnis, der Entwurfshaltung und der persönlichen Motivation, die anhand von Projekten oder Themen prägnant vorgestellt werden konnte. Um es direkt vorwegzunehmen: in den vorgesehenen acht Minuten haben es nur wenige geschafft, sich zu präsentieren. So mussten die Moderatoren Peter Berner und Aysin Ipekci die Diskussion am Ende leider ausfallen lassen. Schade, denn dafür hätte es durchaus einige spannende Fragen gegeben.

 

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Zwischen Realität und Visualisierung ist kaum mehr zu unterscheiden. Caspar Schmitz- Morkramer von msm meyer schmitz-morkramer rhein GmbH in Köln hinterfragt die Produktion von schnellen Bildern in der Architektur. Grafik: msm meyer schmitz-morkramer

Die Zeit fehlte eigentlich schon zu Beginn des Abends, denn der erste Vortrag mit dem Titel „Keine Zeit“ von Caspar Schmitz-Morkramer stellt die Frage, wie trotz aller unternehmerischen Aufgaben und dem immer weiter steigenden Projektdruck in einer großen Bürostruktur die Architektur selber und das Nachdenken darüber noch ihren Platz finden können. Die vielen Fotos und Renderings von Architekturprojekten im Hintergrund visualisieren das schnelle und manchmal nur für den Moment gedachte Bild, welches bei einer Projektentwicklung im großen Maßstab jedoch im Vordergrund steht.

 

02 Archicraft Choweiler

Stadtentwicklung als Prozess in Köln Chorweiler. Carolin Riedel und Hans-Peter Höhn von archicraft in Köln haben ihre universitäre Forschung als Arbeitsweise in das Büro eingebracht. Grafik: archicraft, Köln

 

Dem offenen Prozess verpflichtet und damit auf einen langen Zeitraum ausgelegt ist dagegen das Stadtentwicklungskonzept für Köln-Chorweiler, welches das Architekturbüro Archicraft im Rahmen einer Forschungsarbeit entwickelt hat. In ihren gebauten Projekten nutzen Carolin Riedel und Hans-Peter Höhn den fortlaufenden Prozess zwischen Planen und Bauen aber eher für die Optimierung und Perfektionierung ihrer Ideen, um eine „elegante Selbstverständlichkeit“ zu erreichen. In den eindrucksvollen Bauaufgaben von Einfamilienhäusern zwischen 400 und 1200 m² Wohnfläche kann dieser umfassende gestalterische Ansatz bis ins Detail und die Möblierung umgesetzt werden.

 

03 DuD Beauty 3

Wie aus einer Tiefgarageneinfahrt gute Architektur werden kann, zeigten Ben und Daniel Dratz von Dratz & Dratz Architekten in Oberhausen mit “Hotel Shanghai”. Foto: Tomas Riehle

 

Ganz andere Fragen stellen sich den Architekten Ben und Daniel Dratz und erläuterten ihre Haltung in ihrem Vortrag „Beauty and the Beast“. Wie sie mit äußerst geringem Budget und viel Enthusiasmus auch einem Unort eine gute Raumqualität abzuringen wissen, zeigen sie an ihrem Projekt “Hotel Shanghai”: Ein Elektroclub benötigt einen neuen Raucherraum. Zur Verfügung steht eine Tiefgarageneinfahrt, sie wird mit einfachen architektonischen Mitteln und Eigenleistung zur Tribüne, Treppe und Sitzlandschaft. Die Schönheit liegt im Freilegen und Entwickeln von Raumproportionen, Materialien und Formen, die nun sogar neue Nutzungen wie Filmvorführungen und Konzerte ermöglicht und damit weit mehr als die gestellte Aufgabe erfüllt.

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Mit Artefakten einer vergangenen Industriegeschichte werden neue Landschaften entworfen. Sascha Wienecke und Thomas Dietrich aus der planergruppe GmbH in Oberhausen zeigen, was aus verlassenen Orten werden kann. Foto: Planergruppe Oberhausen

 

Eine ähnlich archäologische Arbeitsweise nahe am Vorgefundenen präsentieren die Landschaftsarchitekten Sascha Wienecke und Thomas Dietrich aus Oberhausen. Artefakte und Reste der Industrielandschaft werden in ihrem Plädoyer „Zuerst die Landschaft“ zu den Inspirationsquellen für einen neu gestalteten Landschaftsraum. Auch auf den vermeintlich leergeräumten Industriebrachen spüren sie den Kontext auf und interpretieren das Vorhandene neu. Dabei setzen sie auf eine neue Wahrnehmung und die Aneignung ihrer Freiräume durch die Menschen.

 

05 Studio if

Der öffentliche Raum bildet das wesentliche Raumgerüst der Stadt. Isabelle Finkenberger von Studio if+ aus Köln zeigt den prämierten Beitrag in der Fachsparte Städtebau im Schinkel-Wettbewerb 2012.. Grafik: Studio if+, Köln

 

Dass ein partizipatives und prozessorientiertes Denken sowohl in der Landschaftsarchitektur als auch in der Stadtplanung schon viel weiter entwickelt ist als in der projektorientierten Architektur, zeigt vor allem der Beitrag der Stadtplanerin Isabel Finkenberger. Sie stellt unter dem Titel „Komplexität zulassen-Komplexität entwerfen“ mit Verweis auf den Soziologen Bruno Latour dar, dass es in den aktuellen Aufgaben unserer „Ressource Stadt“ eher um die Entwicklung einer räumlichen und sozialen Strategie und die Koordination der beteiligten Akteure geht als um die Präsentation von fertigen Planungen.

 

06 F1RSTDESIGN Zollverein

Ein Orientierungssystem kann auch sehr gut über ein Modell funktionieren, wie Christopher Ledwig von F1rstdesign in Köln erläutert. Auf der Zeche Zollverein bietet es einen Überblick über das große und schwer zu erfassende Gelände. Foto: Bernd Vogel

 

In verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen ist der Kommunikationsdesigner Christopher Ledwig als Fachplaner involviert, wenn es um die Orientierung im Raum geht. Von der Innenraumgestaltung einer Praxis bis zum Leitsystem auf dem Zeche Zollverein Gelände in Essen zeigt sich, wie Orientierungssysteme zum integralen Bestandteil in Entwurfsprojekten verschiedener Planungsdisziplinen werden können, wenn sie frühzeitig mitgedacht werden.

 

07 Volkwein Passivhaus

Aus einem Einfamilienhaus der 1970er Jahre kann sogar ein Plusenergiehaus werden. Jürgen Volkwein von Lang+Volkwein aus Darmstadt forscht an den ökologischen Möglichkeiten einer Sanierung.Foto: diephotodesigner/TSB Ingenieure Darmstadt

 

Das Thema der Nachhaltigkeit spielte zumindest unterschwellig in allen Beiträgen eine Rolle. Auch wenn der Begriff überstrapaziert und seine Interpretationen vielschichtig sind, kann eine gestalterische Haltung hierzu als wichtiger Baustein für die aktuellen Aufgaben und Fragen der vorgestellten Positionen dienen. Fast schon didaktisch aufbereitet stellte Jürgen Volkwein unter dem Titel „Muss alles nachhaltig sein?“ die Frage nach den Aspekten und Kriterien des nachhaltigen Bauens in den Fokus. Der Umbau eines Einfamilienhauses wurde in Kooperation mit der TU Darmstadt zum Forschungsgegenstand für ein Energie+ Haus, dass durch Offenheit und viel Tageslicht überraschte. Bekannte aber immer gern verdrängte Zahlen zum CO2 Verbrauch zeigen uns wieder auf: es geht nicht nur um Optimierung von Prozessen, Materialien und den Energieverbrauch von Gebäuden, es geht vor allem um die Reduktion unserer Ansprüche. So entlässt uns Jürgen Volkwein mit der Frage, was wir wirklich brauchen. Müssen es 40 m² pro Person sein, die wir zum Wohnen benötigen?

 

08 OneManSauna

Hier hat man nicht nur eine gute Aussicht: in der „One Man Sauna“ von Modulbeat in Münster lässt sich wunderbar Schwitzen und Nichtstun. Foto: modulorbeat

Jan Kampshoff von der Gruppe modulorbeat aus Münster hat darauf eine gebaute Antwort: hohe räumliche Qualitäten können auf engstem Raum und mit sehr einfachen, reduzierten Mitteln entstehen. Die auf einer großen Industriebrache im Ruhrgebiet für das dort nun arbeitslose „Nichtstun“ entworfene One Man Sauna stellt eine Architektur zur Diskussion, die trotz definierter Nutzung eher Skulptur und Monument geworden ist. Und das ist gut so: es zeigt uns die Freiheit und die Kreativität, mit der bekannte Themen von Gestaltern ganz neu in die Zukunft gedacht werden können. Und darum geht es schließlich in den aktuellen Positionen. Und ob die Vortragenden und ihre Haltungen wirklich jung sind, bleibt dabei eine Nebensache.

 

Ragnhild Klußmann

 

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