Einer der zukünftigen Bewohner schreitet seinen Baugrund am noch nicht gefüllten See ab. Filmstill: © filmproduktion loekenfranke

Der Film "Göttliche Lage" beobachtet den Umbau eines Stahlwerksgeländes zu einem See mit exklusivem Wohngebiet.

Da plant man ein Projekt von fast 100 Hektar und rund 300 Millionen Euro – und dann das: Gänseeier! Vier Jungtiere schwimmen schon auf dem See herum, acht Eier liegen noch in dem einen Nest und es gibt sogar noch ein zweites. Wer hätte aber auch ahnen können, dass ein riesiger, neu angelegter See Vögel anzieht? Die Diskussion darum, ob die Obere Jagdbehörde die Eientnahme während der Schonzeit wohl genehmigen wird, oder man die Vögel lieber später schießen sollte, ist nur eine der absurden Szenen die der Film „Göttliche Lage“ seinen Zuschauern bietet.

 

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Die Ufer des Sees werden modelliert. Filmstill: © filmproduktion loekenfranke

 

Luxuswohnen im Arbeiterviertel

Fünf Jahre lang haben die Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken die Umgestaltung des stillgelegten Dortmunder Stahlwerkes Phoenix-Ost in einen gewaltigen See mit umliegender Wohnbebauung begleitet. Unmengen von Material müssen sie gedreht haben, um Projekt wie Protagonisten so bildstark und treffend zu charakterisieren. Dabei haben sie sich nicht auf das Neubauprojekt beschränkt, sondern vor allem auch die Umgebung angeschaut: Den Stadtteil Hörde, ein Arbeiterviertel, bewohnt von denjenigen, die früher mal im Stahlwerk malocht haben und heute die Verlierer des Strukturwandels sind. Die Menschen hier sind so ganz anders, als diejenigen, für die man das hochpreisige Wohngebiet rund um den See plant.

 

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Anwohner informieren sich über den geplanten See. Filmstill: © filmproduktion loekenfranke

 

Dem See stehen sie eher teilnahmslos gegenüber. „Denken Sie, die reichen Leute kommen bei uns kaufen?“, fragt dann auch die Kioskbesitzerin, die schon um ihre Existenz kämpft. Wenn sie es sich leisten können, bauen sich die Alteingesessenen ihre eigene Idylle, mit Planschbecken und Hollywoodschaukel – und freuen sich, wenn sie dank verschobenem Bebauungsplan noch ein Stückchen Seeblick abbekommen.

 

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Der Polizist Joachim Wegner sorgt sich um die Kluft zwischen Arm und Reich, die entstehen könnte. Filmstill: © filmproduktion loekenfranke

 

Helle Adjektive gegen düstere Umgebung

Während sich bei den bodenständigen Hördern Angst vor dem Neuen mit Neugier mischt, kreieren die Marketing-Fachleute zynisch ein Schreckensbild: „Wie geht man es an, dass die Kaufinteressenten, die dorthin kommen, nicht von dem Umfeld irritiert sind?“ Schließlich müssen die von den Hochglanzbroschüren Angelockten durch Hörde durch, um zum geplanten See zu kommen. Und so spielen die Vermarkter ein munteres Phrasen-Bingo, bestimmen den „Farbklang des Gebietes“ mit „hellen Adjektiven“, finden den „Hidden Champion“ und lassen sich launige Werbesprüche einfallen wie „SeeZeit in Höchstform“. Entlarvend und unfreiwillig komisch ist diese Teilnahme als Unbeteiligter an Besprechungen und Sitzungen. Dabei wirken die Szenen und Bilder aus sich heraus – auf einen Kommentartext verzichtet dieser ruhige Film vollständig.

 

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Der Blick vom fast fertigen Haus. Filmstill: © filmproduktion loekenfranke

 

Träume kommen und gehen

„Göttliche Lage“ zeigt aber auch, dass man die Bevölkerung eigentlich einbeziehen möchte, es werden Führungen angeboten, große Tafeln informieren über die Planungen. Und auch beim Architektenwettbewerb beeindruckt nicht der teuerste Entwurf, der den Porsche gleich in die Ansicht integriert. Man möchte eine Durchmischung, auch innerhalb des Neubaugebietes – ist sich aber uneins, wie man das wohl erreichen kann. Ob es reicht, wenn es Entwürfe für die „Toskana-Fraktion“ wie für die „Bauhaus-Fraktion“ gibt? Die Häuser, die den Bauherren letztendlich angeboten werden, sollen „eine Marke für das Gebiet sein.“ Die Kundschaft ist bei der Erstabschreitung ihres Baugrundes allerdings noch wenig begeistert von der Bauhaus-Anmutung. Alle zur Auswahl stehenden Häuser seien „zu architektisch“ wird konstatiert, rechteckig sei geistlos und ein bisschen kuscheliger solle das eigene Heim schon sein. Aber: Die Rhododendron-Hecke als Sichtschutz ist schon fest eingeplant.

 

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Die Neubauten am Seeufer, dahinter die Bestandsbebauung. Filmstill: © filmproduktion loekenfranke

 

Während die Neubewohner noch von ihrem eigenen Heim träumen, sind die Träume der Alteingesessenen schon wieder geplatzt: Laden pleite, Beziehung kaputt. Mit oder ohne Phoenix-See: Das Leben in Hörde geht seinen Gang, alles bleibt so wie es ist – und der See mit seiner schicken Uferpromenade eine Parallelwelt wo man höchstens mal einen Kaffee trinken geht. Grillen, Schwimmen oder Schlauchboot fahren – das also, was sich die Alt-Hörder leisten könnten – darf man dort nämlich nicht.

 

Vera Lisakowski

 

 

Der Film „Göttliche Lage“ läuft ab 21. August in der Filmpalette. Am 22. August sind die Regisseure zu Gast.

 

Informationen der Stadt Dortmund zum Phoenix-See.

Und auch der WDR bietet eine Fotostrecke zum Phoenix-See.

 

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