Im Rahmen einer Vortragserie zum Thema Kölner Stadtbaumeister hielt Prof. Dr. Hiltrud Kier einen Vortrag über den großen deutschen Städtebauer Hermann Joseph Stübben (1845-1936).

Die aktuelle politische Diskussion um einen Stadtbaumeister für Köln begleitend, bietet das Architektur Forum Rheinland eine fünfteilige Vortragsreihe an, die sich mit Aufgaben, Kompetenzen und Möglichkeiten einer derartigen Position in der Vergangenheit auseinandersetzt. Fortgesetzt wurde die Reihe mit dem Vortrag von Prof. Dr. Hiltrud Kier über den großen deutschen Städtebauer Hermann Joseph Stübben.

Die Situation

Ausgehend von der römischen Kernstadt hatte sich Köln bis zum Mittelalter zur größten Stadt des Deutschen Reiches entwickelt, die Dank ihrer ab 1180 errichteten, halbkreisförmig die Stadt umgreifenden mächtigen Stadtmauer nie eingenommen wurde. Noch bis ins ausgehende 18. Jh. waren weite Teile der Stadt nur an den Straßen bebaut, so dass es innerhalb von Köln Platz für große Privatgärten und landwirtschaftliche Nutzung gab. Dies wandelte sich freilich im 19. Jh. grundlegend, als sich die Kölner Bevölkerung im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung binnen 65 Jahren verdreifachte. Eine Erweiterung der Stadt wurde daher zur Überlebensfrage für Köln, das seit der Eingliederung in das Königreiche Preußen durch Handel und Industrie prosperierte. Der Stadterweiterung entgegen standen allerdings die zahlreichen Befestigungsanlagen, die im Zusammenhang mit dem Ausbau Kölns zur Preußischen Festungsstadt errichtet worden waren. Ebenso hinderlich für die Entwicklung der Stadt war das Bauverbot im ca. 1 km breiten, dem Festungsring vorgelagerten Rayon (Schussfeld), wodurch sich insbesondere neue Industriebetriebe nur außerhalb der Stadtgrenzen niederlassen konnten. Mit der Weiterentwicklung des Geschützwesens war jedoch die Verteidigungswirkung der gesamten Befestigungsanlage spätestens seit der Mitte des 19. Jhs. Überholt. 1881 konnte die Stadt Köln schließlich ihre eigene Stadtmauer und das zugehörige Militärgelände mit den meisten Forts und den dazwischen liegenden Lünetten von der preußischen Militärbehörde erwerben und mit der Umsetzung des zuvor ausgelobten Wettbewerbs zur Bebauung der Erweiterungsflächen im ehemaligen Rayongebiet beginnen.

Der Wettbewerb

Für den 1880 ausgeschriebenen Wettbewerb zur Bebauung der Kölner Neustadt gab es zahlreiche Vorgaben, so u. a. die Anlage einer 35 m breiten Ringstraße; außerdem waren Vorschläge für die Lösung der Eisenbahnfrage und der Kanalisation sowie ein neuer Standort für die Hafenanlagen zu erarbeiten, ferner detaillierte Planungen für das Militärterrain zu erbringen, das zuerst vermarktet werden sollte. 27 anonymisierte Entwürfe gingen aus ganz Deutschland ein. Lediglich fünf der Beiträge wurden einer näheren Prüfung unterzogen, darunter drei der Arbeitsgemeinschaft Joseph Stübben und Karl Henrici, die für ihren Entwurf mit dem Motto „König Rhein“ den ersten Preis erhielt, während die weiteren Entwürfe der beiden – „Handel und Wohlstand“ und „Suum Cuique“ („Jedem das Seine“) – mit dem 2. bzw. 4. Preis bedacht wurden. Die ebenso in der engeren Wahl befindlichen Pläne von Carl August Philipp („Metropole“) und von Wilhelm Willmeroth („Wenn die Kräfte fehlen, ist die Absicht zu loben“) wurden mit dem 3. Preis bzw. mit einer Belobigung gewürdigt. Grundlage für die offiziell mit dem ersten Mauerdurchbruch beim Gereonswall am 11. Juni 1881 begonnene Stadterweiterung wurde aber „König Rhein“ von Stübben/Henrici, der Stübben für die Dauer der Bearbeitung auch die Funktion eines „städtischen Ingenieur und Baumeister“ einbrachte, als welcher er nur dem Bürgermeister oder seinen Vertretern direkt unterstand.

Die Verkehrsplanung

Anders als bei den Konkurrenzentwürfen, die sich mehr oder weniger auf die investorenoptimierte Nutzung der Grundstücke beschränkten, war der Kernpunkt der Planung von „König Rhein“ die neu durchdachte Anlage der Eisenbahn, die den Hauptbahnhof nun nicht mehr am Dom lokalisierte, sondern an die Stelle des Güterbahnhofs Gereon verlagerte und einen neuen Güterbahnhof südlich der Aachener Straße vorsah. Der Gleiskörper sollte hochgelegt mitten durch die Neustadt führen und auf neuen Eisenbahnbrücken im Norden und Süden den Rhein queren, das aufgelöste Bahnhofsgebäude am Dom zur Markthalle und die einstigen Zubringergleise zu einer neuen Straße umfunktioniert werden. Des weiteren wurde der Hafen samt Steueramt und Freihafen nach Süden verlagert, um das Rheinufer neu gestalten zu können. Die Ringstraße war als Haupterschließung der Neustadt gedacht, deren einzelne Abschnitte – der deutschen Geschichte entsprechend in historischer Reihenfolge benannt – mit Alleen und Grünanlagen unterschiedlich gestaltet und mit zahlreichen öffentlichen Bauten versehen werden sollten. Ein zweiter Stadtgarten war im Süden der Neustadt geplant und das Terrain des alten Sicherheitshafens als gärtnerische Anlage projektiert.

Die Ringe

Die endgültige Entscheidung, den Hauptbahnhof nicht zu verlegen, sondern am Dom beizubehalten, fiel zwar erst 1883, doch konnte die Ringstraße bereits 1886, also nur fünf Jahre nach Baubeginn, eingeweiht werden. Sie war von Stübben/Henrici als Kette festlicher Räume in 10 Abschnitten unterschiedlicher Breite und Gestaltung angelegt, wobei die Endpunkte der einzelnen Straßenabschnitte meist an Kreuzungen mit ehemaligen Torstraßen lagen. Die entstandenen Platzanlagen wurden individuell gestaltet, um einen harmonischen Übergang zwischen den mit zwei oder drei Baumreihen besetzten Straßen zu gewährleisten. Zusätzliche Grünanlagen wurden am Kaiser-Wilhelm-Ring und am Deutschen Ring (Theodor-Heuss-Ring) eingerichtet. Schnell entwickelte sich die Ringstraße zum bevorzugten Bauplatz für private Bauherren, daneben entstanden eine Reihe öffentlicher Prachtbauten wie das Hohenstaufenbad, das Hansa-Gymnasium, das Kunstgewerbe- und das Rautenstrauch-Joest-Museum sowie das Opernhaus.

Wenngleich die Ausführung der Neustadt nur schrittweise erfolgen konnte – die Bebauungspläne wurden jeweils abschnittsweise vorgelegt und genehmigt –, hatte Stübben immer die Gesamtsituation im Blick und verfolgte sein stadtgestalterisches Anliegen konsequent. Eine besondere Rolle spielten dabei Diagonalstraßen und die Bildung von Sternplätzen sowie die Ausrichtung der Straßen auf markante Bauwerke als ‚points de vue’. So wurden z.B. die erhaltenen mittelalterlichen Torbauten in die Planung einbezogen, wie auch die Kirchen und öffentlichen Bauten auf die Ringstraße ausgerichtet oder als ‚Pendants’ angelegt wurden. Zudem legte Stübben großen Wert darauf, dass die Neubaublöcke nicht zu groß ausfielen, um eine Hinterhofbebauung zu verhindern und durch Alleen und Parkanlagen für möglichst viel Luft und Grün zu sorgen.

Mit seinem Wettbewerbsentwurf für die Neustadt ist es Stübben gelungen, nicht nur die Grundlage für eine Verdopplung der Kölner Stadtfläche von ca. 400 auf 800 ha zu schaffen und dies auch noch innerhalb von 15 Jahren umzusetzen, sondern zugleich auch ein künstlerisch ansprechendes Konzept für ein funktionsfähiges Stadtgefüge vorzulegen, das weit in die Zukunft reichende Vorschläge für den gesamten damaligen Lebensraum von Köln umfasste.

Die Diskussion

In der nachfolgenden angeregten Diskussion wurde der Frage nachgegangen, ob und wie es heute möglich wäre, eine Person mit Visionen ähnlich Joseph Stübben zu finden. Als Möglichkeit wurde von Frau Kier die Auslobung eines städtebaulichen Wettbewerbs vorgeschlagen, um die drängenden Probleme der Kölner Stadtentwicklung im Gesamten vorzustellen und im Zusammenhang zu bearbeiten. Ein solcher Wettbewerb, dessen Ergebnisse freilich auch verbindlich für die Umsetzung sein müssten, wäre sehr wünschenswert, zumal die derzeit in Planung befindlichen ehemaligen Industrieareale in Nippes, Deutz, Kalk etc. zusammen eine Grundfläche ausmachen, welche in etwa der Neustadtplanung entspricht und heute vornehmlich kurzfristige funktionale Planungsziele gegenüber langfristigen Stadtentwicklungskonzepten Priorität genießen. Positive Erfahrungen mit einem städtebaulichen Wettbewerbsverfahren wurden jüngst in Maastricht gemacht, wo ein ganzer Stadtteil neu zu entwickeln war und der Gewinner des Wettbewerbs auch als Supervisor eingesetzt wurde. Als Minimallösung wurde von Seiten der Zuhörerschaft die Erarbeitung von Stadtteilrahmenplänen eingefordert, innerhalb derer sich die Stadtteile dann sukzessive weiterentwickeln können. Zuletzt waren sich alle Diskussionsteilnehmer darin einig, dass auch bei misslicher Kassenlage in Köln für Langzeitperspektiven das Geld „zusammengekratzt“ werden müsse, um für die bauliche Entwicklung der Stadt ein Gesamtkonzept zu erarbeiten, das analog zur Leistung Stübbens auch die Bereiche Verkehr, Schifffahrt, Ver- und Entsorgungsaufgaben etc. mit einbezieht.

Hermann Joseph Stübben wurde 1845 in Hülchrath geboren und studierte an der königlichen Bauakademie in Berlin. 1876 avancierte er zum Stadtbaumeister in Aachen, wo er u.a. den Erweiterungsplan der Stadt zu erstellte. 1881 wurde Stübben nach Köln berufen, um die Planung und den Bau der Neustadt zu übernehmen. Weitere Stationen seines Lebens waren Berlin, Posen, Münster und zuletzt Frankfurt, wo er 1936 auch hochbetagt starb. Für zahlreiche Städte fertigte Stübben Stadterweiterungspläne an, u.a. für Wien, Wesel, Koblenz, Trier, Metz, Danzig, Posen, Basel, Brünn und Brügge. Seinen größten beruflichen Erfolg hatte Stübben mit Planung und Bau der Kölner Neustadt, die auf der Grundlage seines zusammen mit Karl Henrici 1880 erarbeiteten siegreichen Wettbewerbsbeitrags erfolgte.

Ute Chibidziura

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