Interview: Architektur Im Gespräch mit Dr. Marcus Dekiert, seit dem 1. März 2013 Direktor des Wallraf-Richartz Museums & Fondation Corboud

Am 2. August 2013 lobte der Stifterrat den Wettbewerb für die Erweiterung des Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud aus. Über seinen Standpunkt und seine Erwartungen sprach koelnarchitektur mit dem Direktor des Museums.

Köln ist für Sie kein Neuland, sondern Heimat. Hat die Stadt Sie seit Ihrem Amtsantritt vor vier Monaten dennoch überraschen können?

Dr. Marcus Dekiert: Diese Stadt überrascht einen immer wieder aufs Neue, auch bei Themen, die die Museen betreffen. Charakteristisch für Köln scheint mir, dass immer sehr viele Spieler auf dem Feld sind, man muss mit vielen im Gespräch sein. Und es ist ja auch gut, Lösungen im Diskurs zu erarbeiten – nur könnte es manchmal etwas zielorientierter sein.

Hat es Sie denn überrascht, dass der Wettbewerb für die Erweiterung des Museums jetzt tatsächlich ausgelobt wurde?

MD: Ich bin sehr optimistisch an die Sache herangegangen, denn schon an meinem zweiten Tag gab es die erste Sitzung mit der Zielvorgabe, den Architektenwettbewerb zur Erweiterung rasch über die Bühne zu bringen. Es ist ja nun auch hohe Zeit, denn die Erweiterung der Präsentationsfläche wurde unserem Stifter Gerard Corboud schon vor vielen Jahren versprochen. Dass es jetzt so schnell ging und wir noch in diesem Jahr zu einem Ergebnis kommen werden, freut mich sehr und ich hoffe, dass wir auch in diesem Tempo weitermachen können.

Das WRM wird immer in einem Atemzug mit der Fondation Corboud genannt. Könnten Sie uns bitte im Zusammenhang mit der Erweiterung die Struktur Ihrer Zusammenarbeit erläutern.

MD: Die Fondation Corboud hat unserem Haus rund 170 Gemälde als ewige Dauerleihgabe überantwortet. Seitdem lautet der Name unseres Hauses „Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud“ – recht lang und etwas sperrig. Das ist aber richtig so, denn mit den Gemälden der Stiftung ist ein gewichtiger Teil zu unserer schönen Sammlung hinzugekommen. Schon damals wurde vertraglich festgehalten, dass ein bestimmter Prozentsatz der uns zur Verfügung gestellten Werke präsentiert werden muss. Doch eben das können wir bislang aufgrund der räumlichen Situation im Ungers-Bau nicht tun. Die Erweiterung unseres Hauses wurde immer wieder versprochen, aber nie realisiert.

Was genau soll denn gebaut werden?

MD: Wir wollen die Erweiterung auf dem Grundstück des ehemaligen Kaufhauses Kutz – hier direkt nebenan – nutzen, um unseren Sonderausstellungsbereich dorthin auszulagern. Momentan haben wir erhebliche Schwierigkeiten, die Besucher zu führen und sie dorthin zu bringen, wo die Sonderausstellungen eingerichtet werden. Zwar haben wir einen Sonderausstellungsbereich im Keller, aber die großen Projekte, wie etwa die Schau „1912 – Mission Moderne“ müssen im 3. Obergeschoss gezeigt werden. Bei 1500 bis 2000 Besuchern täglich wird es sehr schwierig, die Besucher durch das enge Treppenhaus zu bringen. Unsere Idee ist es, den Haupteingang beizubehalten und von dort mit einer Traverse in das Sockel- oder Untergeschoss des Neubaus durchzustoßen. Dadurch werden wir im Bestandsbau mehr Raum gewinnen, um dort dann größere Teile der Impressionismus- und Postimpressionismussammlung der Fondation Corboud zu zeigen.

Wie stellen Sie sich die Verknüpfung zwischen Ungers und Neubau vor?

MD: Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder man schlägt eine Brücke im wörtlichen Sinne oder man macht eine unterirdische Verbindung. Die Brücke ist aus verschiedenen Gründen nicht machbar: museumspraktisch würde sie uns keinen Gewinn bringen und aus ästhetischen und urheberrechtlichen Gründen kann man nicht einfach an diesen Bau andocken. Durch den Architekten Ungers hat das Museum eine starke Prägung erhalten, die in keiner Weise beeinträchtigt werden darf. Es wäre vielleicht möglich gewesen, von dem gläsernen Treppenhaus hinüber zu gehen, aber auch dort hätte man nur einen schmalen Steg schaffen können, der uns nicht die gewünschte Verbesserung gebracht hätte. Deshalb haben wir –jedenfalls seit ich an den Abstimmungsprozessen teilnehme – stets für die unterirdische Traverse votiert. Aber auch diese ist nicht ohne Schwierigkeiten machbar, denn wenn man hier gräbt, stößt man nicht nur auf archäologischen Befund, sondern auch auf Leitungen verschiedener Art. Das wird also bestimmt keine einfache Sache, denn wir brauchen eine mindestens zehn Meter breite Traverse, damit in diesem Bereich kein beengendes Tunnelgefühl aufkommt.

Das heißt, die Dauerausstellung bleibt im Ungersbau, Sonderausstellungen ziehen in den Neubau?

MD: Das ist unsere Idee – mit einem gemeinsamen Eingang, einer Kasse, einem Shop und Café. So sind die Serviceeinrichtungen gebündelt und man kann rasch zwischen Sonderausstellung und ständiger Sammlung wechseln.

Wie wir der Auslobung des Wettbewerbs entnehmen konnten, sollen über den musealen Funktionen im Sockel- und Untergeschoss auch Büros und Wohnungen in den Neubau. Ein ungewöhnliches Konzept – ist das das Museum der Zukunft oder nur wirtschaftliche Notwendigkeit?

MD: Es ist zumindest eine Möglichkeit. Wir haben ein klares Anforderungsprofil gegeben: 1000 qm Ausstellungsfläche in einer Ebene. Auf dem Grundstück des ehemaligen Kaufhauses Kutz ist das nur im Unter- oder Sockelgeschoss möglich, da für alle weiteren Geschosse eine Blockrandbebauung mit Innenhof vorgegeben ist. In den oberen Geschossen müssten wir die Ausstellungsräume stapeln und das wollen wir nicht. An ein ganzes Gebäude wurde also nie gedacht; aber nun stellt sich die Frage, nach der Nutzung der übrigen Flächen. Momentan ist dies ganz offen, denn nach Abschluss des Architektenwettbewerbs wird eine Prüfung durch einen externen Gutachter durchgeführt werden, auf deren Grundlage entschieden wird, ob der Neubau als städtische Liegenschaft oder als ein Investorenprojekt errichtet wird. Sollte die Entscheidung für die letztgenannte Variante fallen und ist ein Investor gefunden, wird man ihm auch die Freiheit geben müssen, selbst zu entscheiden, welche Nutzungen er dort einbringen möchte. Natürlich ist nicht alles möglich und es muss der Würde der musealen Nutzung des Gebäudes angemessen sein.

Welche Signale soll der Neubau aussenden?

MD: Weil uns die Qualitätssicherung des Baus wichtig ist, haben wir sehr gute Architekturbüros im Wettbewerb gesetzt. Es kommt darauf an, ein Gebäude zu planen, dass die schwierige Aufgabe einer Mehrfachnutzung übernehmen kann und dabei die Ausstrahlung eines Kulturbaus besitzt. Andererseits sollte das Gebäude nicht auftrumpfen, denn der Ungersbau wie auch das Rathaus-Ensemble mit der Rathauslaube sind die bereits gesetzten Punkte. Ich bin da sehr auf die Vorschläge der Architekten gespannt.

Sechs Architekten, darunter drei Kölner Büros, sind bereits gesetzt, wie kam es zu diesen Nennungen?

MD: Die Architekten realisierte Objekte im Bereich Kulturbauten nachweisen. Das müssen nicht unbedingt Museen sein, es kann auch eine Konzerthalle oder eine Bibliothek sein. Bei der Auswahl der gesetzten Teilnehmer hat Herr Höing, der Baudezernent, maßgeblich mitgesprochen. Er hat sehr gute Vorschläge gemacht, auch weil er von Anfang an gesagt hat, dass wir nicht notwendig einen Stararchitekten brauchen, sondern primär hohe Architekturqualität. Ich finde, dass die Kölner Architekten, die jetzt gesetzt sind – Peter Kulka, Gernot Schulz und Paul Böhm – bereits wunderbare Architekturen gemacht haben. Daneben ist die Teilnahme internationaler Büros sehr wichtig, denn eine solche Aufgabe braucht eine gewisse Ausstrahlung. Deshalb haben wir außer Bruno Fioretti Marquez aus Berlin noch Christ + Gantenbein aus Basel und Sergison Bates aus London gesetzt. Weitere zwölf Büros werden noch aus dem Lostopf dazukommen. Ich glaube, dass das mit Sicherheit eine spannende Auswahl wird.

Träumen Sie von einem dichten innerstädtischen Museumsquartier, in das irgendwann auch das Jüdische Museum und die archäologische Zone integriert werden?

MD: Ja, ganz bestimmt – obwohl es ganz unterschiedliche Auffassungen gibt, wie dieser Bereich einmal aussehen könnte. In München hat das Büro Wandel Hoefer Lorch zwei Blocks von meiner ehemaligen Wohnung entfernt, auf dem Jakobsplatz, das Jüdische Museum, das Jüdische Kulturzentrum und die neue Synagoge gebaut, was fabelhaft gelungen ist. Denn man hat dort ein Ensemble geschaffen, das auch Plätze ausweist. Es gibt dort einen ganz modernen Spielplatz, eine Brunnenanlage und man hat sich zum Stadtmuseum geöffnet. Dort wurde Stadtraum gestaltet und eine tolle Architektur abgeliefert. Deshalb war ich auch von Anfang an froh, dass das Büro Wandel Hoefer Lorch, den Wettbewerb für den Kölner Rathausplatz gewonnen hat, denn diese Architekten haben eine große Sensibilität für ihre Projekte, wie auch eine Ausstellung vor wenigen Jahren im Münchner Architekturmuseum gezeigt hat. So bin ich der ganzen Sache gegenüber positiv eingestellt. Ich kann es mir sehr schön vorstellen, dass hier zwei wichtige Museen zusammen ein Zentrum bilden, ähnlich wie es das Museum Ludwig und das Römisch-Germanische Museum oder die beiden Häuser am Neumarkt tun – für jeden Besucher der Stadt wäre das etwas Besonderes. Und wenn man bedenkt, was für wunderbare Funde – aus über 2000 Jahre Stadtgeschichte – die Grabungen hier zutage gebracht haben, ist das etwas, das Köln vielen, nein, eigentlich allen anderen Städten in Deutschland voraus hat.

Einmal abgesehen von Ihrem eigenen Arbeitsplatz, welches ist unter architektonischen Gesichtspunkten Ihr Lieblingsmuseum?

MD: Das ist immer noch die Alte Pinakothek in München – und das nicht nur weil ich dort lange gearbeitet habe, sondern weil sie etwas zeigt, das heute kaum ein anderes Museum kann. Schon als die Pinakothek 1836 eröffnet wurde, war es ein bedeutender Bau, an dem viele wegweisende museumspraktische Ideen zum ersten Mal umgesetzt wurden. Dazu zählt zum Beispiel die Verwendung von Tageslicht, das durch große Laternen im Dach von oben hereingeführt wurde; oder die Ausrichtung des Baus von Ost nach West, das die Nutzung des gleichmäßigen Nordlichts ermöglichte. Außerdem wurde außerhalb der Stadt gebaut, um die Brandgefahr zu vermindern und die Sicherheit zu erhöhen. Und dann wurde dieser epochemachende Bau im 2. Weltkrieg schwer zerstört und von Hans Döllgast in kongenialer Weise wiederaufgebaut. Er vollzog die Ideen des Baumeisters Leo von Klenze nach und brachte seine eigenen Ideen, wie das wunderbare Treppenhaus auf der Südseite, mit ein. Und zugleich ließ Döllgast die Wunden der Zerstörung sichtbar. Auf diese Weise wurde das Museum zu einem architektonischen Denkmal, an dem man 200 Jahre Geschichte ablesen kann. Mit der Neuen Pinakothek – dem Bau von Alexander von Branca – und der Pinakothek der Moderne von Stephan Braunfels entwickelte sich in der Folge ein einzigartiges Museen-Ensemble. Die Architektur weist hier über die reine Gestaltung hinaus und wird zum Bedeutungsträger.

Mit Dr. Marcus Dekiert sprach Uta Winterhager

Zur Wettbewerbsankündigung
>>“Erweiterung des Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud“ der Stadt Köln

 

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Dr. Marcus Dekiert im Treppenhaus des Wallraf-Richartz-Museums. Im Hintergrund der Bauplatz für die geplante Erweiterung.
Foto: Uta Winterhager

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Hier könnte ein neues Museumsquartier entstehen – Material und Ideen gibt es genug. Das Grundstück westlich des Museums hat die Stadt im Jahr 2000 für 5 Mio. € erworben, 2004 wurde das leerstehde Kaufhaus Kutz abgerissen. Eine kulturelle Nutzung war von Anfang an im Gespräch. in der Zwischenzeit nutzt die KVB das Gelände für ihre Baucontainer.
Screenshot: google maps

Martinstraße

Eine sichtbare Verbindung über die Martinstraße hinweg darf und wird es zwischen dem Ungers-Bau und dem geplanten Neubau nicht geben. Marcus Dekiert spricht von einer unterirdischen – mindestens 10 Meter breiten – Traverse.
Foto: Uta Winterhager

Wie kann ein Gebäude aussehen, das unten Museum und oben Büro/Wohnen ist: ‚Natürlich ist nicht alles möglich und es muss der Würde der musealen Nutzung des Gebäudes angemessen sein.‘, sagt Marcus Dekiert.
Foto: Uta Winterhager

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