Christo konzipiert für den Gasometer Oberhausen ein monumentales Kunstwerk aus Licht, Luft und Stoff

Der Gasometer in Oberhausen ist für sich genommen schon eine Sensation. Sein 347.000 Kubikmeter fassender Hohlraum ist aber auch nicht gerade leicht mit einer Ausstellung zu füllen. Vierzehn Jahre nach der Abschlussinstallation „The Wall“ für die Internationale Bauausstellung Emscher Park wagt sich der 77-jährige Künstler Christo bereits ein zweites Mal mit einer Ausstellung in das 1929 in Betrieb genommene und 1994 zur Ausstellungshalle umgerüstete Industriedenkmal: mit „Big Air Package“ – der größten bisher umgesetzten Innenraumskulptur der Welt.

Aus 20.350 Quadratmetern lichtdurchlässigem Gewebe und 4.500 Metern Seil fertigte Christo mit seinem langjährigem Projektleiter Wolfgang Volz eine Luftskulptur im Inneren des ehemaligen, 117 Meter hohen Gasspeichers. Im aufgeblasenen Zustand erreicht die Hülle bei einem Gewicht von 5,3 Tonnen eine Höhe von mehr als 90 Metern, einen Durchmesser von 50 Metern und ein Volumen von 177.000 Kubikmetern. Zwei Gebläse erzeugen einen konstanten Luftdruck von 27 Pascal und verhindern so, dass der Ballon in sich zusammenfällt.

So weit das Kunstwerk in Zahlen. Der grandiose Raumeindruck lässt sich dagegen nicht so leicht in Worte fassen. Das „Big Air Package“ reicht nahezu von Wand zu Wand des ehemaligen Gasspeichers und lässt lediglich eine kleine Passage rund um den Fuß der Skulptur frei.

Kathedrale des Industriezeitalters

Durch eine Luftschleuse gelangen die Besucher auf die zur Manege umgebaute ehemalige Gasdruckscheibe, um hier in geradezu reinweißes Licht einzutauchen. Genau dieser Übergang, der Schritt vom dunklen, metallenen, nach Ruhrgebiet riechendem Gasbehältnis zum hell gleisenden ‚Reinstraum’ ist das Faszinierende der Installation. Denn das semitransparente Polyestergewebe entfaltet eine unerwartete Leuchtkraft.

Im Inneren des monumentalen Ballons betritt der Besucher die große Bühne. Die diffuse Atmosphäre aus Licht kommt aus 60 Deckenstrahlern sowie aus den Dachreitern des Riesenbaus und wird durch die Außenhaut des „Big Air Package“ auf wunderbare Weise gefiltert. „Wenn man sich im Inneren des ‚Big Air Package‘ befindet, hat man geradezu den Eindruck, als würde man in Licht baden.“, erklärt Christo sein jüngstes Werk, das erstmals ohne seine Frau Jeanne-Claude entstand. Christo: „Der innere Raum ist vermutlich der außergewöhnlichste Aspekt von allen Air Packages, die wir seit 1966 realisiert haben. Von innen wirkt der ganze Raum wie eine 90 Meter hohe Kathedrale.“ Ihre erste aus Luft bestehende Skulptur haben Christo und Jeanne-Claude im Jahr 1966 in Eindhoven geschaffen. Ihr letztes und bisher größtes Luftpaket errichteten die Künstler 1968 zur documenta IV in Kassel.

Werkschau aus fünf Jahrzehnten

Auf der untersten Ebene des Gasometers wird die Skulptur „Big Air Package“ von einer Ausstellung begleitet. Sie zeigt eine Auswahl der bedeutendsten Projekte, die Christo und Jeanne-Claude in den vergangenen fünf Jahrzehnten an unterschiedlichsten Orten der Welt realisiert haben. Die großformatigen Fotografien von Wolfgang Volz zeigen Projekte wie „Valley Curtain“ (1972), „Surrounded Islands“ (1983), „The Pont Neuf Wrapped“ (1985), „Wrapped Reichstag“ (1995) oder „The Gates“ (2005) in ihrer Schönheit und visionären Kraft und machen sichtbar, was die Werke von Christo und Jeanne-Claude verbindet.

Filme und Entwürfe verdeutlichen die Entstehung dieser stets zeitlich begrenzten Kunstereignisse. Original-Stoffreste der großen Projekte können miteinander verglichen werden. Schließlich werden auch die beiden noch unrealisierten Christo-Projekte, die noch aus der gemeinsamen Arbeit mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude herrühren, in Entwürfen präsentiert.

„Unsere Kunst ist nichts, was besessen, erworben oder behalten werden könnte. Diese Vergänglichkeit macht ihre Freiheit aus. Und ihre Schönheit“, so Christo und Jeanne-Claude über ihre Arbeiten. Die Ausstellung „Big Air Package“ im Gasometer Oberhausen ist noch bis 30. Dezember 2013 zu sehen.

Barbara Schlei

 

Bis zum 30. Dezember 2013 wird es in Oberhausen zahlreiche Veranstaltungen geben. Über die genauen Termine der Führungen und Aktionen sowie die Anfahrt informiert die homepage des Projekts.

Zur Internetseite des >>Gasometers Oberhausen

 

Heimaturlaub – Raus aus der Stadt!

In loser Folge werden bei koelnarchitektur interessante Ausflugsziele in der Region vorgestellt. Nicht einfach irgendwelche Ausflugsziele, sondern solche, die mit einem Architektur-Highlight locken, landschaftlich schön gelegen und von Köln aus in maximal einer Auto- oder Bahnstunde zu erreichen sind. Eine Reihe kleiner Urlaubsschnipsel: erlebnisreiche Tage, nach denen man inspiriert und gut gelüftet gerne wieder in die Stadt zurück kommt.

Weitere Texte im Rahmen der Serie:

Raus aus der Stadt!

>>Heimaturlaub: Ein fünfter Mies
06.05.2013
Sechs Monate lang wird der Traum vom fünften Mies in Krefeld wahr – als begehbares Modell: Mies 1:1, das Golfclub Projekt in Krefeld

>>Heimaturlaub: Burg Wissem
25.02.2013
Drei Projekte und eine Gesamtperspektive

>>Staunen und schweben
30.08.2012
Müngstener Brücke und Brückenpark Müngsten

>>Heimaturlaub: Drachenfels
20.04.2011
Abbruchstimmung und Aufbruchstimmung auf dem Drachenfels

‚Big Air Package‘ besteht aus einem transparenten Gewebe und ist die größte jemals aufgeblasen Skulptur ohne Skelett. Beleuchtet durch die Oberlichter des Gasometers, ist das Kunstwerk eine ‚Kathedrale‘ der Luft.

Foto: Wolfgang Volz

Im Inneren des ‚Big Air Package‘ wird die ruppige, dunkle Industrieanmutung des Gasometers transformiert – der lichte Innenraum mit Besuchern.

Foto: Stefan Zeltwanger

Aufbauarbeiten am ‚Big Air Package‘. Der Luftsack wurde an 24 Zugseilen bis unter das Dach des Gasometer gezogen und dort befestigt.

Foto: Wolfganz Volz

Sieben originale Entwurfszeichnungen des ‚Big Air Package‘ sind während der Ausstellungszeit im Kabinett der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen zu sehen.

Foto: André Grossmann © 2012 Christo

Diese überwiegend großformatigen Arbeiten lieferten die Vorlage für das ‚Big Air Package‘. Sie entstanden in Christos New Yorker Studio und zeigen die Entwicklung der von der Idee 2010 bis zur Realisierung 2013.

Foto: André Grossmann © 2012 Christo

Tageslicht und 60 Deckenstrahler bestimmen die diffuse Lichtatmosphäre im Inneren des Ballons.

Foto: Stefan Zeltwanger

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.