Rendering: Robbrecht en Daem

Sechs Monate lang wird der Traum vom fünften Mies in Krefeld wahr - als begehbares Modell: Mies 1:1, das Golfclub Projekt in Krefeld

Ausgerechnet in Krefeld ist die Mies-Dichte so hoch wie nirgendwo sonst in Deutschland: Ende der 20er Jahre ließen sich zwei Industrielle, Hermann Lange und Josef Esters, erst ihre Wohnhäuser von Mies van der Rohe bauen, kurze Zeit später beauftragten sie ihn mit zwei weiteren Bauten, der Färberei und dem HE-Gebäude für die Vereinigen Seidenwebereien AG.

In diesem Sommer wird in Krefeld ein fünfter Mies eröffnen, ein Golfclub. Ungewöhnlich, denn der Entwurf ist bereits über 80 Jahre alt, der Architekt seit 44 Jahren tot. Und bevor die Frage aufkommt, ob man so etwas überhaupt darf, sei vorangestellt, dass es nur ein Modell im Maßstab 1:1 werden wird, eine temporäre Installation, die einen Sommer lang für baukulturelle Veranstaltungen genutzt werden soll.

Der erste Versuch

1930 erwarb der neu gegründete Krefelder Golfclub ein Grundstück am Stadtrand und lobte einen Wettbewerb zwischen Mies van der Rohe und der Krefelder Architekt August Bierbricher aus. Die Realisierung scheiterte schließlich, denn den Initiatoren gelang es in der Weltwirtschaftskrise nicht, 150.000 Reichsmark für den Bau des Clubhauses aufzubringen. Mies erhielt sein Honorar von 500 Reichsmark, und die sorgfältig ausgearbeiteten Wettbewerbspläne – Grundriss im Maßstab 1:200, sowie Perspektiven und Details – wurden bis heute wohl gehütet, zuletzt im Mies-van-der-Rohe-Archiv im New Yorker MoMA.

Zehn Jahre recherchierte Christiane Lange über die Zusammenarbeit von Krefelder Industriellen mit Mies van der Rohe. Das von ihrem Urgroßvater Hermann Lange und Rudolf Oetker 1930 initiierte Golfclubprojekt weckte dabei ihr besonderes Interesse. „Mies at its best“ zeige der Entwurf in ihren Augen, denn nach der Realisierung des Barcelona-Pavillons und Haus Tugendhat in Brünn habe Mies sein architektonisches Vokabular vollständig entwickelt, so dass der Golfclub nicht nur eines seiner spektakulärsten Werke, sondern auch ein hervorragendes Beispiele der „Weißen Moderne“ geworden wäre.

Die zweite Chance

Interessant ist, dass Mies selber einmal ein Gebäude im Maßstab 1:1 errichten ließ, um die Bauherrin von dessen Qualitäten zu überzeugen, gebaut wurde das „richtige“ Kröller-Müller-Museum jedoch anschließend nicht. In Krefeld wird das Modell dagegen nicht als Vorstufe einer posthumen Realisierung des Entwurfs errichtet, sondern als eine Architekturinszenierung, die mehr gar nicht sein möchte. Mit der künstlerischen Planung des 1:1 Modells beauftragte der von Christiane Lange gegründete Verein MIK e.V. das Genter Büro Robbrecht & Daem, architecten. Finanziert wird ein Großteil des 850.000 € teuren Projektes über die Kulturstiftungen des Bundes und der Sparkasse Krefeld. Der lang gestreckte eingeschossige Bau wird auf der Kuppe des Egelsbergs, etwa 500 m vom ursprünglich geplanten Ort entfernt, errichtet.

Das 7x7m Raster des Stahlskeletts, die Proportionen der Wände und die Volumina entsprechen exakt den Planungen Mies van der Rohes. Jedoch werden alle nicht tragenden Wände mit weiß gestrichenen MDF-Platten dargestellt, auf Glasscheiben und Details wird ebenso verzichtet wie auf eine Ausführung der Nebenbereiche, die über das Skizzenhafte hinausginge. Eine Ausnahme bilden hier die 30 von Mies geplanten kreuzförmigen Stützen, die allerdings mit Edelstahl und nicht wie ursprünglich vorgesehen mit Chromblech ummantelt sind – sie sollen als Zitat der Mies’schen Materialästhetik gelesen werden.

Sehr schön ist die Idee, das Material, das sechs Monate lang ein Mies-Modell gewesen sein wird, Architektur- und Designstudenten aus Aachen und Krefeld zur Planung und Realisierung von pavillonartigen Bauten zur Verfügung zu stellen. Die charakteristischen Stahl-Stützen jedoch können gegen eine Spende von 5000 € zur Unterstützung des Projektes erworben werden.

Vom 26. Mai –bis 27. Oktober 2013 wird es im Golfclub-Modell zahlreiche Veranstaltungen geben. Über die genauen Termine der Symposien, Führungen und Aktionen sowie die Anfahrt informiert die homepage des Projekts.

Zur Internetseite des Projektes >>MIK Mie in Krefeld

Uta Winterhager

 

Heimaturlaub – Raus aus der Stadt!

In loser Folge werden bei koelnarchitektur interessante Ausflugsziele in der Region vorgestellt. Nicht einfach irgendwelche Ausflugsziele, sondern solche, die mit einem Architektur-Highlight locken, landschaftlich schön gelegen und von Köln aus in maximal einer Auto- oder Bahnstunde zu erreichen sind. Eine Reihe kleiner Urlaubsschnipsel: erlebnisreiche Tage, nach denen man inspiriert und gut gelüftet gerne wieder in die Stadt zurück kommt.

weitere Texte im Rahmen der Serie:

Raus aus der Stadt!

>>Heimaturlaub: Burg Wissem
25.02.2013
Drei Projekte und eine Gesamtperspektive

>>Staunen und schweben
30.08.2012
Müngstener Brücke und Brückenpark Müngsten

>>Heimaturlaub: Drachenfels
20.04.2011
Abbruchstimmung und Aufbruchstimmung auf dem Drachenfels

 

 

Bauzaun

Foto: Helge Dafz

Golfclub1938

Historische Aufnahme des Krefelder Golfclubs aus dem Jahr 1938. Inzwischen ist hier, wo der Bau entstehen sollte, ein Naturschutzgebiet.

Bauplatz

Auf einer Grundfläche von 80 x 80 m wird das Modell gebaut. Neben dem 500m entfernten Originalstandort ist der Egelsberg die einzig weitere Erhöhung in Krefeld. Für die Wirkung des Entwurfs ist die Lage auf der Kuppe ein entscheidender Faktor.

Foto: F. Werthebach

Modellfoto

Modell des Golfclub-Modells von Robbrecht en Daem: Die offene kreuzförmige Raumkomposition soll als Inszenierung der zentralen Themen Mies van der Rohes verstanden werden. Nur die Kernbereiche, die diese Ideen ab genauesten illustrieren werden gebaut, alles andere bleibt skizzenhaft.

Foto: Robbrecht en Daem

Visualisierung

Visualisierung des Modells: Die edelstahlummatelten Stützen geben einen Hinweis auf die ursprünglich geplante Materialästhetik. Wände aus weiß gestrichenem MDF und fehlenden Glasscheiben kennzeichnen das Gebäude als Modell.

Rendering: Robbrecht en Daem

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