Interview: Architektur Im Gespräch mit Armin Wittershagen, HOCHTIEF Solutions AG, Köln und Gerhard Wittfeld, kadawittfeldarchitektur, Aachen

koelnarchitektur.de sprach mit Armin Wittershagen und Gerhard Wittfeld, deren derzeitiges gemeinsames Projekt, die „Neue Direktion Köln“, sich in der Planungsphase befindet, über repräsentative Bürobauten vor hundert Jahren, vor vierzig Jahren und heute.

Herr Wittershagen, Sie haben grade Ihre neuen Büroräume im von der Hochtief AG sanierten maxCologne bezogen, sind Sie gut angekommen?

Armin Wittershagen: Ja, wir sind sehr gut angekommen, wenngleich noch nicht alle Kartons ausgepackt sind … Wenn man so ein Objekt selber gemacht hat, kann man auch mal etwas ausprobieren – Büroentwicklung ist nun mal unser Thema. Und wenn wir damit neue Zeichen setzen können macht das umso mehr Spaß.

Wir finden jetzt hier 50.000 qm Bürofläche, von deren Qualitäten Sie mich eben schon bei einem kleinen Rundgang überzeugen konnten, Rheinblick, direkte Anbindung an die städtische Infrastruktur … Warum hat es so lange gedauert, bis sich jemand an den bronzenen „Lufthansa-Koloss“ heran getraut hat?

AW: Ich glaube, solch eine Immobilie muss ihren Weg zum Projektentwickler erst finden. Nachdem sich die Lufthansa von der Immobilie getrennt hatte, war die Allianz Eigentümer, wir haben es dann schließlich von Goldman Sachs gekauft. Für die Bestandshalter, die in der Regel keine Bauabteilungen besitzen, ist eine abgewirtschaftete Immobilie dieser Art einfach zu groß. Mit dieser Erkenntnis fand der Verkaufsprozess schließlich auch sein Ende mit uns als Projektentwicklern, die auch mit Objekten in dieser Größenordnung umgehen und etwas ganz Neues damit anfangen können.

Teil der Sanierungsmaßnahme war eine neue Fassade. Womit hat HPP den von Ihnen ausgelobten Wettbewerb gewonnen?

AW: Interessant war zunächst die Phase vor dem Fassadenwettbewerb. In enger Abstimmung mit der Stadt haben wir die Grundzüge des Gebäudes, die Separierung in zwei Teile, den Turm und die Rheinetagen, festgelegt. Bei dem Fassadenwettbewerb ging es dann darum, einen Ausdruck für die gesamte Anlage zu finden. Die abgetreppten Rheinetagen waren ein typisches Kind der 70er Jahre. HPP überzeugte mit einem Entwurf, durch den die Rheinetagen Richtung Rhein einen ruhigen Abschluss gefunden haben. Ein Problem stellten die Wohnungen auf dem Erbbaurechtsgrundstück darunter dar. Weil wir die Statik dort nicht nachträglich verstärken konnten, musste das Volumen mit etwas aufgefüllen werden, das nicht viel wiegt. So entstanden die Terrassen mit dem tollsten Blick auf Köln.

Wie versuchen Sie dieses Gebäude, das durch seine Sockelkonstruktion jahrzehntelang ziemlich isoliert dagestanden hat, an die Stadt anzuschließen?

AW: Genau das war für uns der Dreh- und Angelpunkt, ohne eine Lösung dafür, hätten wir das Objekt nicht gekauft. Es nutzt ja nichts, obendrauf die schönsten Flächen anzubieten, wenn untenrum keiner den Weg dahin findet. Also haben wir den Speckbauch der parketagen, der rund um das Haus lief, abgerissen. Heute gibt es die Durchblicke Richtung Kloster, die Blickbeziehung zur Deutzer Freiheit und die Vorfahrt zur Deutzer Brücke, die noch in der Fertigstellung ist.

Da ist der Rheinboulevard auch für Sie ein wichtiges Thema?

AW: Absolut! Daher auch die Querbeziehungen über das Grundstück hinweg. Jetzt warten wir auf die Fertigstellung der Treppenanlage. Allerdings sehen wir das nicht nur als einen touristischen Gestus, sondern auch als Wert für den Gebrauch des Gebäudes.

Nennen Sie mir bitte jeder drei – vielleicht auch ganz unterschiedliche – Faktoren, die in Ihren Augen einen Bürostandort erfolgreich machen.

AW: Bei drei Faktoren zum Standort ist man ja immer schnell mit Lage, Lage, Lage dabei. Aber schauen wir mal, warum das beim maxCologne besonders gut passt. Erstens Zentralität: Irgendwo hier ist die Mitte von Köln. Auch das Kriterium der Erreichbarkeit wird voll erfüllt: über den Deutzer Bahnhof, bin ich, wenn ich mich auf den ÖPNV einlasse, wunderbar verbunden, sonst gibt es für den Autoverkehr den östlichen Autobahnzubringer.

Das zweite Kriterium wäre für mich die Urbanität des Umfeldes. Wir haben hier einen vollintegrierten Standort – die Wiederbelebung dieses Gebäudes wird sogar noch einen weiteren Entwicklungsschub auf die Deutzer Freiheit bringen.

Und drittens ist für große Konzerne ist das Thema Visibilität ganz wichtig. Hier kann ich nicht nur rausgucken, sondern werde auch gesehen.

Gerhard Wittfeld: Ich sehe das nicht antithetisch, sondern möchte es gerne noch ergänzen. Ich glaube auch, dass das Erscheinungsbild der Architektur ein wichtiger Punkt ist. Mitarbeiterbindung geht ganz klar über Architektur und im besten Falle auch darüber, dass das Haus etwas mit der Firmenphilosophie zu tun hat. Ehrlich gesagt glaube ich, dass man Lage, Lage, Lage vergessen kann. Das ist nur noch ein Faktor.

Das zweite Projekt über das wir heute sprechen wollen, ist Ihr gemeinsames Projekt, die „Neue Direktion Köln“. Dazu hat Hochtief einen Wettbewerb ausgelobt – weil Sie das mussten oder weil Sie das wollten, Herr Wittershagen?

AW: Weil wir es wollten, schon beim Dominium haben wir sehr gute Erfahrungen mit dem Wettbewerb gemacht. Mit zwei Ideen sind wir in den Wettbewerb für die Neue Direktion gegangen: Wenn man sich das Gebäude heute anschaut, fehlt das Volumen des im 2. Weltkrieg zerstörten Daches in den Proportionen schmerzlich. Mit der Stadt haben wir einen Konsens darüber gefunden, es wieder herzustellen. Auch auf die große Eingangsgeste des neoklassizistischen Portals muss man reagieren. Doch solch ein Projekt brauch ein Thema: Bei der Neuen Direktion war das Neu und Alt, ohne dass wir eine historischen Sanierung vortäuschen wollten, denn außer der Fassade bleibt nichts stehen, es wird ein komplett neues Gebäude. Also muss man diese Metamorphose auch zeigen, damit hat uns der Entwurf von kadawittfeldarchitektur sofort überzeugt.

Herr Wittfeld, vielleicht könnten Sie uns etwas über das Nutzungskonzept erzählen. Viele Kölner kennen die ehemalige Bundesbahndirektion von Veranstaltungen oder Ausstellungen, aber nicht als Kulisse für ein modernes Büro.

GW: Ein Haus, das solch eine Macht ausstrahlt, hat etwas sehr unzeitgemäßes. Wir haben uns zuerst gefragt, ob das in dieser Form überhaupt noch ein Firmensitz der Zukunft ist. Deshalb entstand ganz früh diese Zeichnung: Dieser Vertikalität, die vor 120 Jahren in Ordnung war, muss man über horizontale Schichtungen etwas entgegen setzen. So kamen wir zu der Interpretation, das Obere nicht als Dach zu sehen, sondern als eine horizontale Lagerung.

Für mich persönlich war das der gordische Knoten: ich kann die Dachkontur abstrakt darstellen, aber wenn ich im Inneren bin, habe ich die Lagegunst, dieses 360° Panorama – man will ja gar nicht mehr aufhören, nach draußen zu schauen.

Der zweite wichtige Punkt für uns war die adäquate Qualität der Büroflächen hinter der Bestandsfassade. Und schließlich die dezidierte Gestaltung der drei Höfe. So erhält das Haus viele verschiedene Facetten: hohe vertikale Fenster, ein schönes modernes Büro, die Orientierung zu den Innenhöfen und oben die horizontale Lagerung, die den Blick auf Rhein und Dom frei gibt. Nicht mehr nur die eine Dimension der Machtdemonstration, das ist vorbei.

Nach all dem Einverständnis, dass Sie beide hier bewiesen haben, scheint mir die letzte meiner vorbereiteten Fragen nicht mehr ganz aktuell … Aber ich stelle Sie trotzdem: Wo liegen die Unterschiede in der Betrachtung der Umnutzung der Neuen Direktion zwischen Architekt und Projektentwickler. Oder anders gefragt:

Was hätten Sie anders gemacht, Herr Wittfeld, wenn Sie selbst der Investor gewesen wären?

GW:Wir haben uns sehr über die Zuladung gefreut, weil das so ein außergewöhnliches Projekt ist. Zum ersten Mal ist uns das beim Wettbewerb aufgefallen, zum zweiten Mal, als wir mit dem Projekt bei der EXPO REAL waren.

Das heißt, man kann mit solch einer Umnutzung auf der EXPO REAL tatsächlich Aufsehen erregen?

GW: Ich würde behaupten, dass dies das spektakulärste Projekt auf deutschem Boden gewesen ist, was dort präsentiert wurde. Natürlich findet man sein eigenes Projekt immer super und total interessant, aber es hat mich wirklich berührt, wie häufig wir darauf angesprochen wurden. Meiner Meinung nach zeigt das, in welch hoher Übereinstimmung hier Investor und Architekt agieren. Natürlich haben wir auch mal unterschiedliche Meinungen, aber das wird auf einem hohen Niveau ausgetragen. Wir arbeiten nur mit Bauherren zusammen, die „Baulich-Wissende“ sind. Das ist bei uns eine ganz bewusste Entscheidung, weil wir gemerkt haben, dass wir mit diesen Investoren am Ende bessere Projekte entwickeln. Mir geht es um eine Diskussionskultur früh in der Entwurfsphase, wenn alles noch sehr abstrakt ist, sonst können Ideen sehr schnell niedergebügelt werden.

Das Einzige, was ich anders gemacht hätte, wäre eine Bar in der obersten Etage. Das hätte dem Projekt insofern gut getan, weil es die Öffentlichkeit einlädt.

Die Fragen stellte Uta Winterhager

Starke Struktur

04.05.2009 Das ehemalige Lufthansa-Hochhaus in Deutz bekommt eine neue Fassade

 

witt/witt Modell

Gerhard Wittfeld und Armin Wittershagen vor dem Modell der Neuen Direktion im Flur des maxCologne

Foto: Uta Winterhager

HPP /Lufthansa /Wettbewerb

Illustration des siegreichen Wettbewerbsbeitrags von Hentrich-Petschnigg und Partner aus dem Jahr 2009

Blick aus Büro

Die goldbedampften Scheiben des Lufthansa Hochhauses sind Vergangenheit. Heute werden gute Sicht und Sichtbarkeit anders definiert.

Foto: HOCHTIEF AG

Rheinetagen abends

Die Rheinetagen sehen auf die Stadt – in umgekehrter Richtung funktioniert diese Blickbeziehung natürlich auch.

Foto: HOCHTIEF AG

Pikto Gestaltungskonzept

Modernisierte Formensprache: Früher dominierte die Vertikale, heute gibt die Horizontale ein Gegengewicht.

Piktogramm: kadawittfeldarchitektur

Rendering Dach ganz

Der Entwurf berücksichtigt das historische Fassadenbild und entwickelt eine moderne Form für das im 2. Weltkrieg zerstörte Mansarddach. Metallene Bänder umhüllen vier Dachgeschosse und zeichnen mit ihrer Neigung die historische Dachkontur nach. Die hinter den Bändern liegende Glasfassade folgt nicht der ursprünglichen Dachschräge, sondern steht orthogonal zu den Geschossdecken.

Rendering: ©HOCHTIEF Solutions AG

Dach Detail

Im umlaufenden Fassadenzwischenraum entstehen Dachterrassen mit einem Panoramablick. Die Bar auf dem Dach bleibt allerdings ein Architektentraum

Rendering: ©HOCHTIEF Solutions AG

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