'Für uns war das hier kein Schmusekurs, wir kennen komfortablere Verfahren', gesteht Moderator Burkard Dewey im Laufe der Diskussion nach dem zweiten Workshoptermin zum Heliosgel...

Die gesamte Veranstaltung ließ ahnen, was er damit meinte.

Eine Präsentation der Ergebnisse des zweiten Workshops im Bürgerbeteiligungsverfahren um das Heliosgelände solle die Veranstaltung am 24. März werden. Doch die Zeit war zu knapp, eine Zusammenfassung des Erarbeiteten nicht mehr möglich – und so geriet der interessierte Bürger in eine turbulente Veranstaltung zwischen Protest, Provokation und Wahlkampf, ohne zu ahnen, wovon überhaupt die Rede war.

Buhs für den Provokateur

„Ich frage mich, wofür wir so viel Geld für dieses Bürgerbeteiligungsverfahren ausgegeben haben“, provoziert der scheidende Baudezernent Bernd Streitberger die anwesenden 100 Mitglieder der Arbeitsgruppen gleich zu Beginn der Veranstaltung, „ich höre hier eine Fülle von Schlagwörtern, Erwartungen und Wünschen, die nicht konkret hinterlegt sind.“ Bei einer solchen Eröffnung muss er sich über Buh-Rufe und Beschimpfungen als „Arschloch“ oder „Ignorant“ nicht wundern. In der Sache jedoch hat Streitberger Recht: Wer zum festgesetzten Termin um 16 Uhr in die Präsentation der Ergebnisse aus den einzelnen Arbeitsgruppen platzte, hörte nichts, was nicht schon vor Monaten als Wunsch geäußert wurde. Nur die Inklusive Universitätsschule scheint inzwischen zum Konsens gereift und von allen Gruppen gewünscht, einzig wo und wie sie auf dem Gelände geplant werden kann, ist wohl immer noch unklar.

Wo soll die Schule hin?

„Es war ein bisschen meine Hoffnung, dass ich hier ein eindeutiges Schulgelände präsentiert bekomme“, erläutert Streitberger seine ursprünglichen Erwartungen an diesen Schritt des Bürgerbeteiligungsverfahrens, „nun müssen wir sehr schnell ein eindeutiges Schulgrundstück bestimmen.“ Mit einer Schule auf dem Heliosgelände habe er nie Probleme gehabt, so Streitberger, wenngleich er sich nicht vorstellen könne, dass dort ausschließlich eine Schule entstehen solle. Was er aber gar nicht verstehen könne, sei, dass die Workshopteilnehmer den auf dem Gelände befindlichen Burger King erhalten wollen. Auch wenn das Gelände erst 2032 verfügbar wäre, könne er sich doch vorstellen, dass das Geld in die Hand genommen würde, den Schnellimbiss dort wegzukaufen.

Erlöserwartung des Eigentümers

Doch gerade was die Finanzierung angeht, scheint es keinen Fortschritt zu geben – das Gelände gehört nach wie vor einer Investorengemeinschaft um Paul Bauwens-Adenauer, die sicher kein Interesse daran hat, hier eine Schule zu errichten. Bauwens-Adenauer, der auch am zweiten Workshoptermin teilgenommen hatte, scheint auch der einzige im Raum zu sein, der die Schule ansatzweise in Frage stellt. Die Planung müsse erhärtet werden, man müsse herausfinden, was auf dem Gelände überhaupt möglich sei und man müsse sich fragen, ob eine Schule das sei, was man im belebten Stadtzentrum, gerade dort wolle, erklärt er. Gegen einen Verkauf des Geländes würde sich Bauwens-Adenauer aber wohl nicht stemmen, er deutet mit Satzfragmenten wie „Wir sind nicht im alleinigen Besitz des Geländes“ und „Ganz billig wird das nicht“ aber an, dass es kompliziert – und teuer – werden könnte. Dessen ist sich auch Bernd Streitberger bewusst: „Auf dem Grundstück liegt eine Erlöserwartung“, stellt er fest, und es sei klar, dass dem Eigentümer nicht nur eine Restfläche bleiben dürfe – oder die Stadt müsse eben das ganze Grundstück kaufen.

Realität des Wettbewerbsverfahrens

Auch bei der Erläuterung des weiteren Planungsverfahrens macht sich der Baudezernent keine Freunde im Saal. Zwar kann Steitbergers Bemerkung, dass er erwartet habe, bei diesem aufwändigen Bürgerbeteiligungsprozess keinen Wettbewerb mehr zu brauchen, ganz so ernst nicht gemeint gewesen sein, sichtlich zufrieden konfrontiert er die Anwesenden aber mit der Realität in Wettbewerbsverfahren. Es müsse ein Auslobungstext erarbeitet werden, in dem „bestimmte Themen, die vorgestellt wurden nicht mehr vorkommen, weil man in einen Wettbewerb nicht mit so einem ‚wünsch dir was‘ gehen kann, da muss man konkreter werden“, erklärt er. Der Auslobungstext würde zwar vor Wettbewerbsbeginn noch einmal der Lenkungsgruppe vorgestellt, aber eine Bürgerbeteiligung im laufenden Verfahren, so wie von den Teilnehmern gewünscht vor der Jurysitzung, sei im Rahmen des europäischen Wettbewerbsverfahrens nicht möglich. Versöhnlich stellt er aber in Aussicht, dass es noch eine Bürgerbeteiligung zwischen städtebaulichem Wettbewerb und der Realisierungsplanung geben könne.

Ab in die Bütt

Nach diversen Exkursen im Laufe der Diskussion, die Fragen der Finanzierung der Stadt und des Landes behandelten, Tipps für die Kämmerin der Stadt beinhalteten sowie ein Gratis-Rhetorik-Coaching für Bernd Streitberger, wird es auch ganz am Schluss noch mal versöhnlich. Bezirksbürgermeister Josef Wirges stößt zu der munteren Runde und platziert sein Schlusswort irgendwo zwischen Bütten- und Wahlkampfrede: „Ich finde diese Schule an dieser Stelle richtig und sinnvoll“, erklärt er in kumpelhaftem Kölsch, „und glauben Sie mir, das wird auch vom Rat der Stadt so beschlossen!“ Na. Dann ist ja alles klar.

Vera Lisakowski

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Weiterführende Links:

Informationen der Stadt Köln über das Verfahren

Bürgerinitiative Helios

Das Podium (vlnr)

Baudezernent Bernd Streitberger, Prof. Dr. Kersten Reich, Internationale Lehr- und Lernforschung, Universität zu Köln und Paul Bauwens-Adenauer

Foto: Vera Lisakowski

Rund 100 Mitglieder aus den Arbeitsgruppen verfolgten die Präsentation und Diskussion der Ergebnisse.

Foto: Vera Lisakowski

Wer um 16 Uhr zur Informationsveranstaltung über die Ergebnisse des Workshops erschien, platzte in die Präsentation der einzelnen Arbeitsgruppen.

Foto: Vera Lisakowski

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Eine Reaktion auf “Kein Kuschelkurs”

  1. Maier

    Unglaublich was hier passiert. Hier maßen sich 100 „Bürger“ an, für 103000 Mitbürger in Ehrenfeld über die Zukunft eines Stadtbezirks zu bestimmen. Streitberger und der Bezirksbürgermeister sowie Adenauer (Schade um den guten Namen) spielen auch noch mit. Was sagt der „levve Jung“ Roters dazu!?

    Antworten

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