Interview: Architektur Ein Gespräch mit Jörg Jung von „Mut zur Kultur“ über die städtebaulichen Potentiale des Opernquartiers

Am Sonntag, den 27. Juni tagte erstmals der Runde Tisch zur Sanierung von Oper und Schauspielhaus. koelnarchitektur.de sprachen mit Jörg Jung, Vertreter der Bürgerinitiative „Mut zur Kultur“, über den aktuellen Planungsstand und städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten des Quartiers.

Was tut sich derzeit in Sachen Opernquartier?

Jörg Jung: Wir sind zwei Monate nach dem Ratsbeschluss, die Neubauplanungen einzustellen, deutlich weiter gekommen, als wir geglaubt hätten. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung funktioniert außerordentlich gut und schnell, das macht uns Mut für die weiteren Schritte. Von den bisher gebildeten zwei Arbeitsgruppen hat die eine, in der es um juristische Verfahren ging, ihre Arbeit bereits abgeschlossen. Die zweite läuft auf Hochtouren, sie bearbeitet in Kooperation mit dem Theaterplaner Reinhold Daberto die Gestaltung des Raumprogramms in den zu sanierenden Bühnen. Das VOF-Verfahren (Vergaberecht für öffentlicher Aufträge) ist in Vorbereitung, Ende des Jahres wird die Entscheidung für ein Büro gefallen sein. Ich hoffe, dass JSWD sich beteiligen werden, denn sie haben einen ungeheuren Knowhow-Vorsprung und damit natürlich einen Wettbewerbsvorteil.

Welche Rolle spielt Ihre Bürgerinitiative weiterhin bei der Entwicklung des Opernquartiers?

Jörg Jung: Schlichtweg die des Moderators. Wir wollen schon ästhetische Maßstäbe setzen. Aber wir haben kein Mandat, irgendetwas zu entscheiden. Wir reden einfach mit den Leuten und stellen Kontakte her. Da wir zwischen den Stühlen sitzen, geht das ganz gut. Mit den Fraktionen haben wir darüber hinaus einen Jour fixe vereinbart, zu dem wir unter Ausschluss von Verwaltung und Öffentlichkeit versuchen, mögliche politische Konflikte im Vorfeld zu klären. Es geht immer um die zwei Fragen: Wie kann man die Bühnen fit machen für die Zukunft und wie kann man Kosten sparen? Dabei geht es auch um die Denkmalgerechtigkeit aller baulichen Veränderungen.

Wie also will man zusätzlichen Raum für das Ensemble schaffen?

Jörg Jung: Zum Beispiel indem man an der Krebsgasse ein Bürotrakt auf die Anlieferungszone setzt, dessen Trauflinie der der Seitenflügel entspricht. Auf eine weitere Aufstockung an der Krebsgasse, wie in der bisherigen Planung vorgesehen, wollen die Bühnen ausdrücklich verzichten. Ergänzende Probebühnen und Raum für die Vormontage der Opernbühne wären etwa im Luftraum zwischen den Bühnentürmen anzuordnen.

Mit einer Unterkellerung des „kleinen“ Offenbachplatz könnten zusätzliche Magazin- und Arbeitsräume geschaffen werden sowie die Anbindung an die Opernterrassen. Hier wäre auch ein möglicher Ort für die Kinderoper. Eventuelle Verzögerungen durch die Bodendenkmalpflege bei der Ausbaggerung müssen unser Kernziel der Wiedereröffnung der Bühnenzonen und Zuschauersäle zur Spielzeit 2013/14 aber nicht bedrohen, denn deren Funktionstüchtigkeit hinge nicht zwingend von den Tiefbauten ab. Das ist ja einer unserer Erfolge: Das Interim hat sich gegenüber der Neubauplanung verkürzt, durch die modulare Planung werden die Bühnen jeweils ein Jahr länger bespielt, ohne die Eröffnungsfrist nach hinten zu verlängern.

Und welche Zukunft erwartet die Opernterrassen?

Jörg Jung: Ein Neubau der Opernterrassen ist mit letztem Sonntag wohl vom Tisch, da dieser erstens den Denkmalbestand schwächen und zweitens die städtebauliche Entwicklung behindern würde. Hier müsste nämlich ein neuer Wettbewerb greifen, und das würde einen beträchtlichen Zeitverlust nach sich ziehen. Diskutiert wird derzeit, hier die Studiobühne und Gastronomie anzusiedeln.

Aber das wäre ohne substantielle Eingriffe in den Riphahn-Bau doch nicht umsetzbar?

Jörg Jung: Für die Unterbringung der Studiobühne müsste das gesamte Stützensystem geändert sowie das Dach erhöht werden, um die nötige Technik unterzubringen. Die unten in einem schmalen Riegel untergebrachte Gastronomie könnte man idealerweise nach oben in die Brücke zur Oper fortführen, um attraktive Gastronomieräume mit Blick auf Dom, St. Kolumba und – jawohl – den fließenden Verkehr zu schaffen. Die bestehenden eingebauten Büros würden in dieser Planung entfernt und die ursprünglich gewollte Transparenz der Brücke würde wiederhergestellt. Vom großen Offenbachplatz aus ergäbe sich abends eine lebendige Staffelung belebter Gastronomieräume mit der Opernbrücke und dem Erfrischungsraum des Schauspielhauses, dessen Wiederbelebung seit der Intendanz von Karin Beier dem ganzen Ensemble ja schon einen mächtigen Schub gegeben hat.

Halten Sie die Opernterrassen für das geeignete Gebäude, den aktuellen städtebaulichen Herausforderungen gerecht zu werden?

Jörg Jung: Für uns ist der wünschenswerte Zustand, das Ensemble zu schützen. Die Verengung der Nord-Süd-Fahrt von zehn auf sechs Spuren würde deutliche Veränderungen bringen. Die Tieferlegung der Trasse halten wir städtebaulich für Unsinn. Autoverkehr ist nicht immer böse, er ist eben Teil einer Großstadt.

Welche Vorstellungen gibt es für den Opernvorplatz?

Jörg Jung: Die Dichte an sehr gut bespielten Kulturbauten ist eine riesige Chance für Köln. Aber das Strahlen ist beschränkt, weil das Umfeld gammelig ist. Der Offenbachplatz wird ja angenommen, man muss ihm wieder eine Chance geben, ein Platz zu sein, mit der erwähnten Rückführung der Fahrspuren zum Beispiel. Wie genau die Gestaltung aussieht, hängt natürlich davon ab, was mit den Opernterrassen passiert.

Und die übrigen Flächen?

Jörg Jung: Der Bereich vor dem Schauspielhaus ist ein schöner, intimer Platz. Die Bühnen schlagen vor, auch die Kantine für eine öffentliche Nutzung auszubauen und Gastronomie auf dem Platz anzubieten. Aber unser Kernziel, ist die Umnutzung des ebenfalls von Riphahn geplanten Parkhauses. Die zwei später aufgestockten Geschosse könnten rückgebaut und durch einen Neubau für ein Haus des Tanzes ersetzt werden. Man kann gar nicht genug schwärmen, welch‘ vielfältige Konnotationen von Tanz und Bewegung mit diesem Ort gegeben wären bis hin zu Performance und Fluxus. Das Parkhaus würde natürlich weitergenutzt. Köln ist eine Stadt des Tanzes. Es ist eine Frage des politischen Willens, welche Rolle Köln bei dieser, für junge Generationen immer bedeutenderen Kulturform europaweit spielen will. Hier schlummert eine Riesenchance für Köln.

Eine Aufwertung, die dann hoffentlich auf das restliche Umfeld ausstrahlt: Rückseiten, Parkbuchten, Werbetafeln…

Jörg Jung: Schon mit recht einfachen Mitteln, einer einheitlichen Bepflasterung und shared areas, also von allen Verkehrsteilnehmern gemeinsam genutzten Wegen, kann viel erreicht werden. Vor allem, wenn sich diese Einheitlichkeit über die Brüderstraße hinweg Richtung Schildergasse und Kulturquartier ausdehnen ließe. Ein ganz wichtiger Punkt ist die Passage durch das Wehmayerhaus, die kürzlich am Ende zur Schildergasse in einen Shop umgewandelt wurde. Natürlich stört es den Sichtachsenbezug, aber einen Ankauf kann die Stadt sich nicht leisten. Also muss man mit dem Eigentümer reden, die Neugestaltung kann ja auch für ihn sehr von Interesse sein.

Noch viel zu tun…

Jörg Jung: Die Arbeit unseres dritten Arbeitskreises, „AK Zukunft“ für die Quartiersentwicklung, fängt jetzt erst an. Es ist unsere Absicht, über Fundraising Mittel aus der Bürgerschaft für die Planungsarbeit zu generieren. Wir glauben, die Bürgerschaft von heute kann nicht mehr einfach nur fordern. Es gibt auch an anderen Orten – Bonn, Stuttgart, Heidelberg – ähnliche Bürgerinitiativen, die mehr Bewusstsein schaffen wollen, worauf es eigentlich ankommt im Städtebau. Da sind wir Teil einer Bewegung, einer regelrechten Welle. Lebenswerte Umgebungen verdanken sich eben nicht in erster Linie den Leuchtturmprojekten einer Kommune, sondern was zählt, ist das Gewachsene, und dazu gehören eben auch mal Schrunden und Kratzer und Unvollkommenheiten.

Ihre Initiative „Mut zur Kultur“ ist für den 2010 erstmalig zu verleihenden Kölner Kulturpreis nominiert. Viel Glück dabei und Danke für das Gespräch.

Mit Jörg Jung sprach Ira Scheibe

 

Jörg Jung ist freier Journalist und Mitinitiator der Initiative ‚Mut zur Kultur‘

Foto: Josef Moch

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