Interview: Architektur mit Dr. Reimar Molitor, Geschäftsführer der Regionale 2010

Dr. Reimar Molitor im Gespräch mit koelnarchitektur.de über interkommunale Projekte, die Diskrepanz zwischen den Großen und den Kleinen, Rheinsprünge, Akupunktur, Tandemfahrten und das Selbstwertgefühl der Region.

Natalie Bräuninger: Herr Dr. Molitor, Sie sagten kürzlich in einem Interview „die Projekte der Regionale sind wie eine Akupunktur und die Region der Körper“ – erläutern Sie uns doch bitte kurz die Grundidee der Regionale.

Dr. Reimar Molitor: Das trifft es eigentlich genau auf den Punkt. Die Grundidee der Regionale ist es, ausgewählte Impulse zu setzen. Denn die Projekte der verschiedenen Arbeitsbereiche wie zum Beispiel die städtebaulichen Projekte sind ja nicht flächendeckend und wir können nicht überall in der Region gleichzeitig arbeiten. Aber dadurch, dass wir an ausgewählten Orten versuchen, beispielhaft mit den einzelnen Orten und mit den Lösungen für diese Orte umzugehen, ergibt sich in der Gemeinsamkeit eine Art Gefühl für diesen „Körper“. Das Thema „Stadtentwicklung am Fluss“ zum Beispiel: Dieses ist in Köln sehr dominant durch die Nähe zum Rhein, aber in Leichlingen sind die Kollegen mit einer ähnlichen Frage konfrontiert. Da heißt der Fluss eben nicht Rhein sondern Wupper. Es geht um ein gemeinsames Lernen und den Austausch untereinander. Dadurch bekommt die Region ein Gefühl für sich selbst.

Haben Sie den Eindruck, dass die interkommunale Zusammenarbeit durch die Regionale besser funktioniert als ohne?

Dr. Reimar Molitor: Ja, auf jeden Fall. Für interkommunale Projekte gab es früher überhaupt keinen Handlungsauftrag. Das heißt, wir hatten sonst die Situation, dass sich die 53 Kommunen im Wesentlichen über Flächennutzungspläne etc. miteinander befasst haben. Der Eigenwille der Kommunen, untereinander zu kooperieren, fehlte. Und jetzt gibt es durch die konkrete Arbeit an gemeinsamen Projekten unheimlich viele Kommunen, die in diesen interkommunalen Bezügen arbeiten.

Ein Beispiel: Bevor die Regionale anfing, hatten wir schon so eine Art „top-down“, so ein Herunterschauen zwischen der Stadt Köln und ihrem Umland. Das hat sich über die Regionale wirklich gewandelt. Es gibt nicht mehr diese Diskrepanz zwischen den Großen und den Kleinen, sondern es viel mehr Bewusstsein füreinander. Umgekehrt konnten die Städte Köln und Bonn dadurch auch gewinnen, da sie als Zentren wesentlich mehr akzeptiert sind als vor der Regionale. Und da hege ich die Hoffnung, dass sich das über die Regionale hinaus etabliert.

41491autostart=TRUE] „Köln und sein Umland“

Wie lief das Bewerbungsverfahren ab? Nach welchen Kriterien erfolgte die Projektauswahl – vor allem in einem sonst so harten Wettbewerb um die kommunalen Einkünfte?

Dr. Reimar Molitor: Die Kommunen mussten sozusagen die Absicht „wir haben das vor“ gemeinsam vortragen. Am Anfang reichte diese Art gemeinsame Willensbekunden. Mittlerweile ist die Kooperation auch formal intensiviert worden – es gibt Ratsbeschlüsse, Bindungsfristen, Eigenanteile etc., an die sich die Kommunen halten müssen.

Die Kriterien waren natürlich für jeden Bereich unterschiedlich. Für den Bereich „Landschaft“ haben wir hier in der Region einen Masterplan erarbeitet und diesen mit den Gruppen Stadtentwicklung, Landwirtschaft und Wasser besprochen. Dieser Masterplan definiert für alle Teile der Region landschaftliche Qualitätsziele. Und wer diese Ziele in seinen Projekten nicht umsetzt, der wird nicht gefördert. Wie so eine Art Qualitätsfilter.

Im Bereich „Stadt“ formulierten wir das ein Stück weit über die Themen – da die Städte doch sehr unterschiedlich sind. Es muss eine stadträumliche Qualität erreicht werden, es muss beispielhaft sein in Bezug auf den Umgang mit Verfahrensprozess und beispielhaft sein im Sinne von Bürgerbeteiligung und Kommunikation. Das sieht dann in der Anwendung in Wesseling natürlich etwas anders aus als in Köln, aber es folgt durchaus gleichen Mustern.

Bewertet hat das Ganze ein Ausschuss der Oberbürgermeister und Landräte. Aber davor musste die Vorlage von den 53 Kommunen und deren Fraktionen in den Räten und Kreistagen abgesegnet werden … Ich bin stolz sagen zu können, dass es in den ganzen letzten sechs Jahren kein Projekt gab, das nicht einstimmig beschlossen wurde.

Das Gute ist, dass die Stadtentwickler ein Gefühl dafür haben, dass gerade die Freiraumsituation, die „Zwischenstadt“, nur unter Freunden und im Verbund gelöst und angegangen werden kann. Ich spreche mal gar nicht von Lösungen, sondern von „gemeinsam im Griff halten“. Die Problemlagen sind hier bei allen Kollegen so gleich, dass hier die Einsicht sehr hoch ist, Probleme zusammen zu bearbeiten. In anderen Feldern ist das nicht ganz so ausgeprägt.

41490autostart=TRUE] „Zwischenstadt“

Wie hoch ist die finanzielle Unterstützung und woher kommen diese Mittel?

Dr. Reimar Molitor: Die ist immer sehr unterschiedlich. Ich nenne Ihnen mal ein paar Beispiele: Der Rheinboulevard z.B. kostet 18 Mio. Euro, davon sind 80% Landesförderung und 20% Eigenanteil. Das neue Forschungszentrum am Institut für Luft- und Raumfahrt kostet 30 Mio. Euro, da kommt die Hälfte vom Land und die andere Hälfte vom DLR. Wassermaßnahmen werden mit 80% gefördert, städtebauliche Maßnahmen mit 70% … man kann das nicht pauschalisieren.

Die Kölner Innenstadtentwicklung steht unter der Leitidee von, Bewahren und Aufbruch’. Was genau beinhaltet die Regionale für Köln?

Dr. Reimar Molitor: Dieses Thema hat der Herr Streitberger ausgegeben. Im Linksrheinischen „Bewahren“ und im Rechtsrheinischen „Aufbruch“ und in diese Richtung hat sich auch die Projektauswahl einwickelt. Im Linksrheinischen haben wir die Archäologische Zone und im Rechtsrheinischen den Ottoplatz und den Rheinboulevard. Das Ziel ist, auch hier im Rechtsrheinischen für Impulse zu sorgen.

Wie geht es jetzt weiter mit der Archäologischen Zone (v.a. da der Trägerverein abgesprungen ist …)? Wie ist der aktuelle Planungsstand des „Vorzeigeprojektes“ der Regionale? Ändert sich dadurch etwas für Sie?

Dr. Reimar Molitor: Ja, das stimmt. Die aktuelle Situation ist schon sehr schwierig, weil wir jetzt erst einmal die ganzen Förderangelegenheiten klären müssen. Die Menschen reagieren ja in Regel erst auf gebaute Dinge. Man beschäftigt sich lange Zeit theoretisch mit einem Thema und dessen Auswirkungen, aber die richtige Wahrnehmung ergibt sich, wenn dann irgendwann mal gebaut wird. Bei der Archäologischen Zone ist es so, dass wir dort einen riesigen Grabungsaufwand haben bevor überhaupt gebaut werden kann. Zudem führt der Absprung des Fördervereins dazu, dass im Prozess wieder alles neu justiert werden muss. Das beinhaltet die Finanzierung, das Bauprogramm und das Ausstellungsprogramm. Es handelt sich sozusagen um ein äußerst dynamisches Projekt mit dementsprechend ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Bisher gibt es keinen Baubeschluss, aber es gehen eigentlich alle davon aus, dass gebaut wird. Sonst bräuchten wir ein solches Vorhaben gar nicht zu begleiten. Aber de facto gibt es noch keinen Baubeschluss. Der kommt ja erst immer, wenn alles von Seiten des Rates geklärt ist.

Wie sieht die „strukturelle Regionale“ aus? Gibt es eine Eröffnungsveranstaltung? Einen Katalog? Wie ist dieses große Projekt fassbar?

Dr. Reimar Molitor: Jede Regionale mündet in einen Präsentationszeitraum, dieser geht von Mitte März 2010 bis zum 21. Juni 2011. In dieser Zeit bieten wir ein eigenes Besuchs- und Reiseprogramm in der Region Köln/Bonn an, welches die Menschen an Orte bringt, die ihnen dann neu dargeboten werden. Bei den Formaten handelt es sich um Eröffnungen, Spatenstiche, große Feste, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, etc. , so dass wir insgesamt auf ca. 400 Veranstaltungen kommen werden. Alles ist zentral buchbar über ein Portal rheinische-welt-ausstellung.de welches ab Januar online gestellt wird. Ziel ist, dass Leute aus Erftstadt über den Rhein springen und nach Bergisch Gladbach fahren oder andere Menschen aus Gummersbach zum Drachenfels.

Wie sehen Ihre Wünsche für die Stadt Köln aus?

Dr. Reimar Molitor: Mein Hauptwunsch für die Stadt Köln ist, dass sie ein starkes Tandem mit Bonn bildet. Dass diese beiden Zentren der Region noch stärker wie ein Tandem in der Region funktionieren. Die gesamte Region schaut heute schon auf diese beiden „Großen“, und wenn diese beiden sich einig sind, dann haben wir hier eine sehr stabile Situation – auch im Verhältnis zum Umland.

41492autostart=TRUE] „Tandem“

Mit Dr. Reimar Molitor sprach Natalie Bräuninger

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* Damit Sie die Antworten nicht nur lesen sondern auch hören können, haben wir einige Aussagen als O-Ton für Sie aufgezeichnet. Klicken Sie jeweils auf um die Aufnahme abzuspielen.

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Dr. Reimar Molitor, Geschäftsführer der Regionale 2010

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