Stadt sucht Investoren für MesseCity Köln-Deutz - Viva Colonia oder neues Kölner Armutszeugnis?

Planungsperspektiven oder Kölner Städtebau?

„Ein Armutszeugnis dieser Stadtspitze reiht sich an das andere. Jahrelang Planungsmittel verpulvern um dann ein Gelände, dass man für 100 Mio. erworben hat für 60 Mio. ohne Auflagen verschleudern. Würde man doch wenigstens die Finger von Immobiliengeschäften lassen“, so ein Kommentar im Online-Portal des Kölner Stadtanzeigers zur aktuellen Situation.

Was bisher geschah …

Jahrelang haben sich Stadtplaner und Architekten mit der MesseCity beschäftigt. Zahlreiche Wettbewerbe und Werkstattverfahren wurden veranstaltet, viel Mühen und Gelder bereits verschlungen. Als offizieller Sieger ging damals das Büro JSWD Architekten hervor, doch dann konnte sich – lapidar ausgedrückt – die Politik nicht einstimmig mit dem Entwurf anfreunden. Als „Streitbergers Komposition“ kursierte ein Mix aus mehreren Entwürfen durch die Presse. Und dann wurde es Anfang des Jahres still um die MesseCity.

Oktober 2009: Die europaweite Ausschreibung

In einer europaweiten Ausschreibung sucht nun die Stadt Köln nach einem einzigen Investor für das gesamte Gelände der MesseCity. Das Mindestgebot für die 54.000 Quadratmeter große Fläche zwischen Bahnhof und Messe setzte Wirtschaftsdezernent Norbert Walter-Borjans auf 61 Millionen Euro fest. Weitere zehn Millionen Euro sollen später durch den Verkauf eines zweiten Areals südlich des Bahndamms hinzukommen. Die Stadt selber hatte für die Grundstücke und die Folgekosten rund 103 Millionen Euro gezahlt. Eine Investition, die nach Markwirtschaftlichen Gesichtpunkten also nicht aufgeht und den Steuerzahler mehr als 30 Millionen Euro kostet.

Käufer erhält Gestaltungsfreiheit

Soviel zur Wirtschaftlichkeit. Wie sieht es mit der Architekturqualität aus? Der Investor der MesseCity soll auf dem Gelände fünf Gebäude errichten. Der Stadtrat würde an diesem Ort gerne das künftige Musical-Theater sehen; doch auf eine verpflichtende Vorgabe hat Walter-Borjans in der Ausschreibung verzichtet. Auch beim Thema der Architektur lässt die Stadt ihrem zukünftigen Investor freie Hand: Sie möchte jetzt aber nach eigenen Worten nicht viel mehr als Baulinien und Gebäudegrenzen definieren. Die Ausschreibung verpflichtet den Bieter nach dem Zuschlag zwar, eine Mehrfachbeauftragung „namhafter“ Architekten zu veranstalten. Eine Jury, allerdings ohne Architekten soll anschließend „beratend“ tätig werden. Die endgültige Entscheidung bleibt jedoch beim Investor. Da erfahrungsgemäß in solchen Fällen der Investor „seinem“ Architekten, der zuvor bereits die in der Ausschreibung geforderten städtebaulichen und architektonischen Leistungen übernommen hat, am Ende den Zuschlag gibt, ist jegliche Objektivität wahrscheinlich hinfällig.

Heftige Kritik seitens der Experten

Der Bund Deutscher Architekten (BDA) kritisiert die Entscheidung der Stadt Köln, das gesamte Projekt der geplanten Messe-City an einen Investor zu vergeben. Kleinere Unternehmen hätten aufgrund der Größe des Objekts keine Chance zur Beteiligung. „Der in Frage kommende Bieterkreis lässt sich an einer Hand abzählen“, heißt es in einer Stellungnahme.

Welcher Investor lässt sich darauf ein?

Aus den Ausschreibungsunterlagen: „(…) Der Auftragnehmer wird verpflichtet, unverzüglich nach dem Inkrafttreten des geänderten Bebauungsplanes und nach Abschluss der oben genannten Mehrfachbeauftragung die Hochbauplanung für erste Bauprojekte zu erstellen und entsprechende Bauanträge zu stellen. Der Auftragnehmer verpflichtet sich unter anderem, mindestens einen Gebäudekomplex mit mindestens 10 000 m² Bruttogeschossfläche innerhalb von 36 Monaten nach Beurkundung des Kaufvertrages fertig zu stellen. Für den Fall der Nichterfüllung der Vereinbarungen wird eine Vertragsstrafe in Höhe von 5 % des Kaufpreises, mindestens jedoch in Höhe von 3.000.000,00 Euro festgesetzt. (…)“

Da stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, einen seriösen, geeigneten Investor für solch ein städtebaulich wichtiges Areal zu finden.

Und noch mehr Fragen über Fragen …

Wofür der ganze Aufwand mit Workshops, Wettbewerben und Probeentwürfen von namhaften Architekturbüros wenn am Ende all das nicht mehr zählt?

Warum die Vergabe des Grundstücks an nur einen Investor, wenn man sich damit in große Abhängigkeit begibt und die Gefahr uniformer Architektur vorprogrammiert wird?

Warum keine einzelnen Investorenwettbewerbe für jede Parzelle? So wie es üblicherweise – so auch im Rheinauhafen – der Fall war und ist.

Die Gefahr ist groß, dass die Stadt – bei solchen Größenordnungen und Freiheiten auf Investorenseite – ihre Pflicht als regulierende Instanz nicht einhalten kann … Und noch größer ist die Gefahr, dass das für diesen Ort gewählte Verfahren zur Vergabe von Baukonzessionen absolut ungeeignet ist, die gewünschte städtebauliche und architektonische Qualität zu erzeugen.

Aber nichts desto trotz:

Die europaweite Ausschreibung läuft bis zum 2. November. Der Baubeginn soll 2012 erfolgen.

Natalie Bräuninger

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Fotograf: Jens Willebrand

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2 Antworten auf “Planungsperspektiven oder Kölner Städtebau?”

  1. Kölner

    Köln sollte die Plakette des Dom Unesco-Weltkulturerbes an eben diese Organisation zurückgeben und frei von Einschränkungen die MesseCityDeutz als moderne, durch den Rhein getrennte, alternative City zur linksrheinischen Altstadt planen und bauen. Durch Erhöhung der Bruttogeschoßfläche wäre auch ein besserer Preis für das Gelände zu erzielen. Alles andere ist ein fauler Kompromiss.

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  2. Architekt

    Notiz des BDA Köln—Städtebau und Architektur müssen höchsten Ansprüchen genügen, damit dem besonderen Ort gerecht wird. Dieser Anspruch ist unter anderem schon alleine durch die Tatsache das die Unesco hier wesentliche Vorgaben macht nicht umzusetzen.

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