Baustile im Stadtbild, Folge 13: die Postmoderne, die einen Hauch von Las Vegas nach Köln brachte.

Schulterpolster und Föhnfrisuren stehen für die 80er, und ähnliche Tendenzen zum Aufblähen und Vorgeben prägten auch die Architektur der Zeit. Ein bisschen Las Vegas kam erstmals mit dem Hyatt Regency nach Köln. Ähnliche stahl- und glasgeprägte Investorenarchitektur ist heute allgegenwärtig, sodass der neuartige Effekt von einst nur noch schwer nachzuvollziehen ist.

Die Außenhülle des Hotelbaus trennt sich weitgehend vom Innenleben und verhüllt es. Weder die Gebäudestruktur noch die Funktionen der einzelnen Teile auf ihrem u-förmigen Grundriss sind außen ablesbar. An der Rheinseite rahmen zwei breite Flanken und ein sturzartiger Überbau eine mehrfach zurückgestufte Glasfront. In diese ist im unteren Drittel ein sich aus der Gebäudeflucht vorwölbender Glaspavillon mit schräg aufsteigendem Dach eingesetzt. Die nicht mit Glas verkleideten Flächen sind historischem Quadermauerwerk nachempfunden. Sie zeichnen ein gigantisches Torhaus mit zinnenartigen Auskragungen und Rundfenstern in der verspiegelten Glasfassade nach.

Das Gebäude ist im Grunde ein schlichter Kasten, oder – wie ein vom amerikanischen Architekturtheoretiker Robert Venturi geprägtes Schlagwort lautet – ein „dekorierter Schuppen“. Seine Fassade ist eine reine Schauwand, der durch Versatzstücke aus der Baugeschichte Bedeutung verliehen wird. „Learning from Las Vegas“, Venturis Schrift von 1972, proklamierte eine Architektur, bei der sich der Anschein verselbstständigte, wie bei den Scheinarchitekturen, Werbetafeln und Neonreklamen amerikanischer Städte. Zeichen- und praktische Funktion, Schmuck- und Nutzform des Gebäudes traten auseinander: nicht mehr „form follows function“ (die Form folgt der Funktion), sondern „form follows fiction“ (die Form folgt der Fiktion).

Als die bedeutendsten postmodernen Bauten in Deutschland gelten das Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach von Hans Hollein und die Staatsgalerie in Stuttgart von James Stirling. In Wesseling bei Köln entstand bereits 1969 ein Privatbau, der sich an Prinzipien der Palladio Villen der Renaissance orientiert und damit Prinzipien der Postmoderne vorwegnimmt: das Haus Nagel von Heinz Bienefeld.

Postmoderne Architektur nahm Rücksicht auf das Vorgefundene und ist deshalb kein Einheitsstil, sondern im günstigsten Fall eine Architektur für den spezifischen Ort. Ein gutes Beispiel ist das Bezirksrathaus Kalk von Gottfried Böhm von 1992, das mit seinem Ziegelmauerwerk auf benachbarte Bauten reagiert und mit seinem spiralförmigen Treppenturm historische Formen zitiert.

Postmoderne Bauten sind wegen ihrer kommerziellen Verwertbarkeit noch heute in Mode. Factory-Outlet-Center, etwa in Roermond und Ingolstadt, und große Einkaufszentren wie das Centro werden als anheimelnde Fantasiestädte dekoriert. Auch die Finanzbranche nimmt gerne die Seriosität vergangener Zeiten für sich in Anspruch, beispielhaft anzuschauen im Dominium von Hans Kollhoff in der Tunisstraße. Und da kann so ein „dekorierter Schuppen“ schon mal 77 Millionen Euro kosten.

Ira Scheibe

Postmoderne

Anders als in der Moderne war in der Postmoderne nicht mehr die Überwindung der Vergangenheit das Ziel. Es entstand eine Architektur der Erinnerung, die sich historischer Versatzstücke bediente, um einprägsame Orte zu schaffen. Sie war der Gegenentwurf zur fehlenden Bedeutung und zur Sprachlosigkeit der Architektur der Moderne. Nach dem Baukastenprinzip zitierte sie beliebig Elemente aus der Historie, ohne Zusammenhang mit ihrem einstigen Zweck und im Gegensatz zum Historismus auch ohne Anspruch auf Korrektheit der einzelnen Stile. Spitzgiebel, Säulen, Rund- oder Fächerfenster sind häufige Accessoires im Privatbau. Beton wird mit verschiedensten Materialien verkleidet, viele bunte Farben prägen die Bauwerke.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 22./23. August 2009

Alle bisher in der Serie “Baustile im Stadtbild” erschienen Beiträge:

>>>Alte Steine Neue Steine

Hyatt Regency (1985-1988), Architekten Novotny Mähner & Assoziierte.

Foto: Stefanie Biel

Eine mehrfach zurückgestufte Glasfront mit massiv erscheinendem Überbau zeichnet ein gigantisches Torhaus mit zinnenartigen Auskragungen und Rundfenstern in der verspiegelten Glasfassade nach.

Foto: Stefanie Biel

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