Baustile im Stadtbild, 15te und letzte Folge: die heutige Moderne.

„Auf eigene Art einem Beispiel zu folgen, das ist Tradition.“ Und die – so könnte man das Zitat von Thomas Mann weiterspinnen – schafft Werte: Seh- und Wohnwert im Falle der 2004 fertiggestellten Wohnwer(f)t im Rheinauhafen. Vertrautes und Neuartiges sind hier vereint. Die weißen rahmenden Wände, die kubische Struktur, die Glaskastenanmutung des Gebäudes sind bekannte Elemente des Anfang des vergangenen Jahrhunderts einsetzenden Neuen Bauens. Große Fensterflächen öffnen sich zum Rhein, sogar die Aufzüge sind verglast.

Ungewohnt ist die Wirkung der Rasterfassade, die man normalerweise mit dem wenig charmanten Aussehen von Plattenbauten assoziiert: durch die Vor- und Rücksprünge der Modulrahmen und ihre unterschiedliche Größe und Ausformung entstehen innerhalb des Rasters individuelle Formen. Die weißen Linien umrahmen nicht immer genau eine Wohneinheit, wie man meinen könnte, sondern korrigieren hier und da einfach nur die Fassadenproportionen. Der Name der Anlage verweist auf die nahe liegende Schifffahrt.

Wie auch das neue Bürogebäude am Kunibertskloster von van den Valentyn ist die Wohnwer(f)t ein Beispiel für die klassische Strömung in der zeitgenössischen Architektur. Noch weiter in der Reduzierung der Formensprache geht der Minimalismus. Er ist im Grunde eine besonders strenge Spielart der Moderne, für die einfache und zweckmäßige Formen stilbildend sind. Eine klare Abgrenzung ist deshalb schwierig. In Köln können das Pumpwerk von Kaspar Krämer am Rheinufer, das Haus ohne Eigenschaften von O. M. Ungers in Müngersdorf und auch Peter Zumthors Kolumba-Museum als minimalistische Bauten angesehen werden.

Supermodernismus meint eine Architektur, die im Gegensatz zur Postmoderne und zum Dekonstruktivismus auf Symbole, Zeichen und sonstige Botschaften verzichtet und durch Raum, Material und Licht sinnlich erfahrbar sein will. Es herrschen der rechte Winkel, neutrale Formen und transparente Hüllen vor. Neue Technologien und Materialien spielen eine große Rolle. Herausgebildet hat sich der Begriff in der holländischen Architektur der 90er-Jahre im Umfeld von Rem Koolhaas. Von ihm stammt das Zitat „fuck the context“ – welchem Architekten mag das nicht aus dem Herzen gesprochen sein: Zum Teufel mit den Zusammenhängen, endlich ein Gebäude entwerfen, das nur sich selbst verpflichtet ist. Ergebnisse können in den CCTV Headquarters in Peking oder dem Konzerthaus in Porto bestaunt werden.

Auf das zeitgenössische Bauen passt kein Raster mehr – die gesamte Architekturgeschichte steht als Steinbruch zu Verfügung. Falls ein Raster vorhanden ist, wird es wohl erst in Zukunft erkennbar. Aber das war schon immer so.

Ira Scheibe

Die heutige Moderne

In der aktuellen Architektur lebt die in den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts geprägte Klassische Moderne weiter. Man redet auch vom Internationalen Stil, denn aktuelle Tendenzen werden international sichtbar und sind räumlich nicht mehr abgrenzbar. Weitere Strömungen sind der Minimalismus und der Supermodernismus.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 19./20. Septembers 2009

Alle bisher in der Serie „Baustile im Stadtbild“ erschienen Beiträge:

>>>Alte Steine Neue Steine

Die weißen rahmenden Wände, die kubische Struktur und die Glaskastenanmutung der Wohnwer[f]t im Rheinauhafen von Oxen + Römer und Partner sind bekannte Elemente. Die Vor- und Rücksprünge der Modulrahmen und ihre unterschiedliche Größe und Ausformung lassen innerhalb des Rasters jedoch individuelle Formen und eine Adressenbildung entstehen.

Fotografin: Stefanie Biel

Foto: Stefanie Biel

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2 Antworten auf “Ein bisschen von allem”

  1. Unbekannt

    die geschichtswissenschaft betrachtet und bewertet ereignisse erst mit einem abstand von 30 jahren. der architekturjournalistik täte diese sachliche distanz ganz gut.

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  2. v. Beveren / Rotterdam

    Gebäude die nur sich selbst ver-pflichtet sind werden in Köln an exponierter Stelle zukünftig nicht mehr gebaut werden können. Diktat der Unesco + unfähiger Stadtbaumeister. An diesen Stellen wird es nur Gebäude in sogenannter „Riegelbauweise“ geben, s. neue LH Zentrale. Nur die Kirchen sind i. Kö. sich selbst verpflichtet. Köln wird im Kontext mit seiner alternden Bevölkerung zu einem grossen Museum werden.

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