Baustile im Stadtbild, Folge 10: der betonbetonte Brutalismus der 50er und 60er Jahre.

Die Serie „Baustile im Stadtbild“ stellt Kölner Wohnarchitektur aus verschiedenen Epochen vor.

Der wichtigste Baustoff des 20. Jahrhunderts war Stahlbeton. Das Material ermöglichte effizientere und leichtere Konstruktionen. Doch schaut man sich das Philosophikum der Kölner Universität an, das Krankenhaus Porz, das Abendgymnasium Kyotostraße und andere Fertigteil-Klötze aus den späten 60er und 70er Jahren, fragt man sich, wieso die Gebäude in dieser Form entstanden. „Reinster Brutalismus“, erklärt der Stadtführer. Fast jeder versteht, was gemeint ist, denn als erschlagend oder ungeschlacht empfinden viele diese Architektur.

Der Ansatz der Baumeister war ein ganz anderer. Als Auswuchs des „Neuen Bauens“ begannen in den 50er Jahren Geschäftsviertel überall auf der Welt von geometrisch glatten Glasschachteln dominiert zu werden. Dass alle Städte immer gleicher aussehen, ist also keine neue Klage. „Wohnblocks sahen aus wie Schulen, Schulen wie Verwaltungsgebäude und Verwaltungsgebäude wie Fabriken“, stellte der 2007 verstorbene Kölner Architekt Oswald Mathias Ungers fest, einer der Hauptvertreter des Brutalismus in Deutschland. Die Avantgarde rief gegen diesen Trend eine neue Stein-Zeit aus, stellte rau und rissig gegen glatt und gläsern.

An seinem eigenen Wohn- und Bürohaus in Müngersdorf setzte Ungers die Stilprinzipien einer plastisch-körperhaften und von ruppigem Charme geprägten Architektur beispielhaft um. Das auf einem Eckgrundstück stehende Gebäude nimmt die Firstlinie des Nachbarn auf. Die klare Geschossaufteilung ist vernachlässigt zugunsten in- und übereinander geschachtelter Kuben. Das Haus erinnert an eine Trutzburg, in deren Wänden lediglich Sehschlitze ausgespart sind. Die Räume sind klein, wirken aber nicht beengt, denn viele Fenster schließen ohne Sturz bündig an die Decken und lassen die Räume hell wirken. Auch die Innenwände zeigten ursprünglich die unverputzten Klinker. Im Erdgeschoss lagen zunächst das Büro und eine kleine Einliegerwohnung, oben wohnte die Familie Ungers mit drei Kindern.

In Köln lassen sich weitere Objekte studieren, die für dieses Prinzip der Materialehrlichkeit stehen: die Kirchen Christi Auferstehung in Lindenthal und St. Gertrud an der Krefelder Straße sowie das Rathaus Bensberg von Gottfried Böhm, St. Adelheid in Neubrück von Paul Georg Hopmann und das Haus Reimbold am Hansaring 25 von Ungers. Ein weiteres Beispiel, der Kindergarten St. Hermann Joseph von Gottfried Böhm, wurde vor zwei Jahren abgerissen.

In seiner Spätphase veränderte sich der Brutalismus. Die Ablesbarkeit der Konstruktion trat in den Vordergrund: Träger und Balken, Leitungen und Installationen blieben sichtbar. Beispiele sind das Klinikum Aachen und das Pariser Centre Pompidou. Gebäude sollten ihre Bauart und das Material zeigen, aus dem sie gemacht sind.

Brutalistische Architektur begann als Befreiungsschlag gegen architektonisches Einerlei. Jede Idee lässt sich jedoch pervertieren. Übrig blieben bloß material- und funktionsgerechte Moloche, billig, hässlich, seelenlos, die zeigen, dass Beton sehr wohl brutal wirken kann.

Ira Scheibe

Brutalismus:

Die Bezeichnung für den Architekturstil der 50er und 60er Jahre hat zweierlei Herleitungen: Béton brut ist der französische Ausdruck für Roh- oder Sichtbeton. Als „Brutal” beschrieb der Autor eines abwertenden Artikels die Ästhetik der Unité d’Habitation in Marseille. Der Bau stammte von Le Corbusier und galt als richtungsweisend für die Epoche. Hauptmerkmal des Brutalismus ist der rohe, unbearbeitete und unverputzte Baustoff. Beton mit seinen Unebenheiten und den Abdrücken der extra groben hölzernen Schalungselemente, wurde für Sakralbauten und öffentliche Gebäude verwendet, im Wohnungsbau nahm man eher Backstein. Die Architektur besteht in der Großform aus einander durchdringenden, klar definierten geometrischen Körpern.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 11./12. Juli 2009.

Alle bisher in der Serie “Baustile im Stadtbild” erschienen Beiträge:

>>>Alte Steine Neue Steine

Ungers erstes Kölner Wohnhaus entstand 1959 auf einem Eckgrundstück in Müngersdorf. Hier setzte er die Stilprinzipien einer plastisch-körperhaften und von ruppigem Charme geprägten Architektur beispielhaft um. 1989 wurde zum bestehenden Wohn- und Atelierhaus ein Bibliothekskubus hinzugefügt, der eine der bedeutendsten Privatsammlungen beherbergt.

Fotografin: Stefanie Biel

Der Bau von Gottfried Böhm kann als Lehrbeispiel des Brutalismus gelten. Der Kindergarten wurde im Februar 2007 abgerissen.

Bild: Veit Landwehr

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