Baustile im Stadtbild, Folge 9: Architektur der Nachkriegszeit. Wie Wilhelm Riphahn den Neuaufbau Kölns prägte

Die Serie „Baustile im Stadtbild“ stellt Kölner Wohnarchitektur aus verschiedenen Epochen vor.

Jetzt wird nicht mehr marschiert, sondern flaniert, nicht stillgestanden, sondern ausgeruht – die Gangart in den Innenstädten der Nachkriegszeit unterschied sich deutlich von der zu Zeiten des Nationalsozialismus. Die Hahnenstraße sollte unter den Nazis Teil der Marschroute zum Gauforum in Deutz werden. Zwischen 1946 und 1961 entstand sie neu als elegante Flanier- und Kulturmeile unter der Federführung des Architekten Wilhelm Riphahn. Sie war die erste nach einem Gesamtkonzept erbaute Straße und eine der wenigen einheitlich realisierten Geschäftsstraßen im Deutschland des Wiederaufbaus.

Der Bummel konnte an den 1986 abgerissenen Hahnentor-Lichtspielen, dem ersten Großkino Kölns nach 1945, beginnen. Man gelangte von dort zu einer Ladenzeile aus zur Straße hin eingeschossigen Flachdachbauten mit großen Schaufenstern. Die Läden waren durch ein Flachdach verbunden.

Den Geländeabfall nach Süden hin nutzend, waren die Geschäfte teilweise hinten zweigeschossig. In der Tradition von Bauhaus und Werkbund, aber auch aus der Not heraus, entwarf das Büro Riphahn vom Türgriff bis zum Werbeschild alles selbst. Einst gab es sogar eine einheitliche, schwebende Lichtwerbung über den Pavillons, die Ladenlokale öffneten sich in begrünte Innenhöfe. Die ursprünglich grazile und leichte Wirkung des Ensembles lässt sich heute nur noch erahnen. Auch die höhere Randbebauung mit den Laubenganghäusern, entstanden zwischen 1954 und 1961, war Teil von Riphahns Gesamtplan. Passierte man den abgerundeten Baukörper des ehemaligen Restaurants Zieren, so erreichte man die Galerie Moeller. Hier kann man noch heute einen Eindruck ­gewinnen von dem feinen Zusammenspiel von Architektur, Licht und Natur, das einst den gesamten Straßenzug auszeichnete.

Zu Filmen, Vorträgen oder stiller Lektüre lockte das britische Kulturinstitut „Die Brücke“. Der Kölnische Kunstverein hat hier einen neuen adäquaten Rahmen gefunden. Die geneigten Scheiben am Stoffpavillon Moeller waren damals neuester Schrei und halfen gegen den Spiegeleffekt an den Südfenstern.

Die Kaufleute, die Riphahn mit den Planungen betrauten, wollten angesichts des knappen Baumaterials und der ungewissen wirtschaftlichen Perspektive die Läden zunächst als Provisorien errichten. Riphahn schlug kostengünstige, eingeschossige Bauten als Stahlskelette mit Betonfertigteildeckeln und Schwemmsteinausfachung vor. So konnte schon vor der Währungsreform 1948 mit den Arbeiten begonnen werden.

Für den 50er Jahre Fan ist Köln ein Eldorado. Im Dezember 1945 gründete der gerade wieder eingesetzte Oberbürgermeister Adenauer die Kölner Wiederaufbau GmbH. Wohl zu keiner Zeit sind in Köln so viele Bauten errichtet worden wie in dem Jahrzehnt nach 1949, nachdem die Alliierten den Baustopp vollständig aufgehoben hatten: Man schätzt ihre Zahl auf 90 000. Riphahns Oper, das Blau-Gold-Haus am Dom von Wilhelm Koep, der Gürzenich von Karl Band und Rudolf Schwarz gehören mit zu den wegweisenden Gebäuden der Epoche.

Ira Scheibe

50er Jahre Architektur

Die Architektur der Nachkriegszeit griff zurück auf die funktionale Schlichtheit des „Neuen Bauens“, dominiert von klaren geometrischen Grundrissen und offenen Rasterfassaden. Ein transparenter, leichter Eindruck entstand durch fließende Linienführung und durch dünne Dachplatten, die an geblähte Segel erinnern. Fassaden, Innenwände und Stützen wurden mit Mosaiken oder verschiedenfarbigem Putz ornamentiert oder figürlich gestaltet. Die 50er Jahre entdecken die Treppe als raumbildendes Element wieder. Messingprofile setzen ­typische Akzente.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 27./28. Juni 2009.

Alle bisher in der Serie „Baustile im Stadtbild“ erschienen Beiträge:

>>>Alte Steine Neue Steine

Ein wichtiger Bestandteil der Hahnenstraße – der erste nach einem Gesamtkonzept erbaute Straßenzug des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland – ist das ehemalige britische Kulturinstitut „Die Brücke“. Der Kölnische Kunstverein hat hier seit einigen Jahren sein neues Domizil gefunden.

Detailverliebte Fünfziger

Fotografin: Stefanie Biel

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Eine Reaktion auf “Auferstanden aus Ruinen”

  1. Sascha

    Interessanter Artikel, aber könnte man die Zahl 90 000 nochmal genauer umschreiben 😉

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