Baustile im Stadtbild 6: Der Expressionismus

Die Serie „Baustile im Stadtbild“ stellt Kölner Wohnarchitektur aus verschiedenen Epochen vor.

Was Künstler wie Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner in ihren Bildern mit Gebäuden machten, nämlich die naturalistische Form zertrümmern, wäre in der Realität keine gute Idee. Doch lässt sich der unmittelbare Ausdruck seelischen Erlebens, den die Expressionisten anstrebten, überhaupt baulich umsetzen? Ob man überhaupt von expressionistischer Architektur reden kann, wird daher heute oft bezweifelt. Gerade die Architekten der 20er Jahre beharrten jedoch auf dem Begriff. „Himmelschrei des Expressionismus“ nannte etwa Paul Bonatz sein Hochhaus, das er für den Stumm Konzern in Düsseldorf entwarf.

Der Turm war der ideale Baukörper der Expressionisten, denn er symbolisierte ihr Urthema, den Kampf des Geistes gegen den Stoff. Auch die Sehnsucht nach dem Erhöhten, Entrückten und der Erhebung über die Menge drückte sich in ihm sinnbildlich aus. Und er war Zeichen von Fortschritt, Moderne und Virilität, selbst bei einem profanen Geschäftshaus. „Ihr Riesenkinder einer neuen Zeit, die ihr uns lodernd grüßt wie Höhenfeuer“ – so bejubelte ein zeitgenössischer Autor die neuen Großbauten.

In Köln entstand zwischen 1924 und 1925 in nur 15-monatiger Bauzeit am Hansaring das damals höchste Haus Europas. Es ist 65 Meter hoch und hat 17 Etagen. Der Kölner Architekt Jacob Koerfer erreichte eine solche Höhe durch die Entwicklung im Stahlskelettbau in den USA – schon Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Chicago die ersten Hochhäuser. Es ist wohl kein Zufall, dass das von der französischen und britischen Besatzung am meisten gedemütigte Rheinland mit seinem mächtigen Industriepotenzial in der ersten Hälfte der 20er Jahre Vorreiter im Hochhausbau war und darin die Metropole Berlin überholte.

Auf dem 14-geschossigen Hauptturm des Hochhauses am Hansaring setzen zwei Staffelgeschosse auf, auch das abschließende Stockwerk ist noch einmal leicht aus der Fassadenflucht zurückgenommen. Die Tragstruktur verhüllt eine dunkelrote Backsteinfassade. Die drei- bis vierläufigen rechteckigen Fenster wechseln in den oberen Etagen mit spitzgiebeligen. Die Ecken des quadratischen Turms sind durch im Bauverbund stehende Pfeiler betont. Über den Erdgeschossfenstern sind expressionistisch gestaltete Schlusssteine angebracht.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Fassade zudem mit heute verschollenen fünf schlanken Figuren geschmückt, die die Kontinente der Erde symbolisierten. Die Kombination von Backsteinarchitektur mit reichem Baudekor gilt als typisch für den Expressionismus. In Köln gibt es eine Reihe von Siedlungsbauten, die Anklänge an diese Gestaltung zeigen: etwa die Germania­siedlung in Höhenberg, die Alte Wipperführter Straße in Buchheim und Teile der Marienstraße in Ehrenfeld. Weitere Beispiele für expressionistisches Bauen in Köln sind die Bastei von Walter Riphahn, das Herkules-Haus in der Liebigstraße 145 und das Haus Schwarz in der Marienburger Straße 53.

Ira Scheibe

Expressionismus

Nach dem Ersten Weltkrieg bis Ende der 20er Jahre entsteht eine Architektur mit spitzwinkeligen, scharfen, stoßenden, gezackten und aggressiven Formen. Typisch ist die reiche Verwendung von Dekor und Plastik. Häufig wird die Tradition des Backsteinbaus fortsetzt. Als Tragkonstruktion dient jetzt allerdings Stahlbeton, der es auch ermöglicht, mit geschwungenen Formen ganze Gebäude als überdimensionale Plastiken zu gestalten. Viele expressionistische Entwürfe blieben ungebaute Utopie. Außerhalb Deutschlands gibt es expressionistische Bauten auch in den skandinavischen Ländern, besonders aber in den Niederlanden.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 16./17. Mai 2009

Alle bisher in der Serie “Baustile im Stadtbild” erschienen Beiträge:

>>>Alte Steine Neue Steine

Das zwischen 1924 und 1925 entstandene Hochhaus am Hansaring.

Fotografin: Stefanie Biel

Fotografin: Stefanie Biel

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