Baustile im Stadtbild 5: Die Gartenstadt Bickendorf als Beispiel für den Heimatstil, einen von vielen konservativen Gegenentwürfen zur Moderne.

Die Serie „Baustile im Stadtbild“ stellt Kölner Wohnarchitektur aus verschiedenen Epochen vor.

Tief im Westen, zwischen Brache und Ackerland, rund fünf Kilometer vor den Toren der Stadt, entstand die Siedlung. „Lich, Luff un Bäumcher“ versprach 1913 der Siegerentwurf des GAG-Wettbewerbs (Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft AG) für das elf Hektar große Dreieck zwischen Akazien-, Sand- und Brunnenweg. Dienstboten und Kellner, kinderreiche Familien und später Kriegsversehrte zogen in die etwa 600 Kleinwohnungen, die bis 1920 in der Gartenstadt Bickendorf entstanden.

In Deutschland entstanden schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts große Villenkolonien im Grünen, wie etwa Marienburg in Köln. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich auch auf dem Kontinent die sozialreformerische Gartenstadtidee des Briten Ebenezer Howard durch. Auf billigem Ackerland wurden genossenschaftliche Wohnungen für Arme geschaffen, kleine Häuser mit Gärten für Kohl und Kaninchen. Dass man einen Menschen mit einer Wohnung genauso töten kann wie mit einer Axt, dieser Ausspruch Heinrich Zilles galt nicht nur für Berlin. Auch in Kölns überfüllter Innenstadt herrschten für arme Leute erschreckende Wohnverhältnisse. Bickendorf, die erste Kölner Gartenstadt, sollte Abhilfe schaffen.

Zunächst war alles schön einheitlich. Die Häuser hatten einen hellgrauen Verputz und dunkelgraue Dächer, grüne Läden, weiße Fenster und dunkelrote Türen. Die schöne Wirkung der gleichen Reihe ist heute leider einem Mischmasch von Baumarkt-Stereotypen zum Opfer gefallen. Dabei wirkte die Siedlung keineswegs langweilig: Straßen öffnen sich zu kleinen Plätzen, die Häuser sind unterschiedlich gruppiert, und die Normbauten zeigen unterschiedliche Einzelformen bei Türen, Dächern und Fenstern.

Die ruhigen Wohnstraßen der Siedlung sind sehr eng, mitunter fehlt sogar der Bürgersteig, und die Haustüren öffnen sich direkt auf die Straße. Das gibt dem Ganzen die Intimität einer holländischen Wohnanlage. Sehr verbreitet ist der kleinste Haustyp, zweigeschossig mit vier Zimmern, einer Wohn- und einer Waschküche unten, zwei Schlafzimmern oben, das Ganze 4,75 Meter breit und 7,30 Meter tief. Hinzu kommt der 50 bis 100 Quadratmeter große Garten.

Schmale Stockgesimse trennen Unter- und Obergeschoss. Die heute leider größtenteils verputzten Werksteinrahmungen und die steinmetzbearbeiteten Schlusssteine der Fassadenöffnungen zeigen, dass zwar bescheiden, aber qualitätsbewusst geplant wurde. Viele Häuser haben Walmdächer, also solche, die nicht nur an der Trauf-, sondern auch an der Giebelseite geneigte Dachflächen haben. Sie wirken pittoresker als die üblichen Satteldächer, ein Eindruck, zu dem auch die vielgestaltigen Dachgauben beitragen.

Der Kölner Architekt Wilhelm Riphahn übernahm nach dem Ersten Weltkrieg die Bauleitung und verstärkte die romantische Grundtendenz. Mittelalterliche Figurennischen, Stufengiebel, Schwibbögen zur Abgrenzung kleiner Plätze und Winkel, Kletterpflanzen und die Brunnenfigur des Treuen Husaren von Max Euringer auf dem Hauptplatz vervollständigen das Bild dörflicher Idylle – ein Gegenentwurf zur modernen Großstadt.

Viele Kölner Siedlungen der Zwischenkriegszeit folgen dem Bickendorfer Beispiel, etwa die Märchensiedlung in Holweide mit Straßennamen aus dem Märchenschatz und die Poller Milchmädchensiedlung, die nach einer Plastik am Efeuplatz benannt ist.

Ira Scheibe

Heimatstil:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es zahlreiche konservative Gegenströme zur Moderne. Der Heimat- oder auch Heimatschutzstil entstand 1904 durch den in Dresden ­gegründeten Deutschen Bund für Heimatschutz. Er trat vor allem in den 20er Jahren auf. Zu den Hauptmerkmalen zählte die Verwendung ­ortsüblicher Baumaterialien wie ­Fachwerk, Ziegel und Holz und ­dazugehörige Formen wie Erker, ­Gauben, Nischen, Schnitzwerk und Sprossenfenster. Den Heimatstil findet man besonders im Siedlungs- und Hausbau.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 2./3. Mai

Alle bisher in der Serie “Baustile im Stadtbild” erschienen Beiträge:

>>>Alte Steine Neue Steine

Einen beschaulichen Eindruck sollte die 1914-1920 entstandene Kleinwohnungssiedlung Bickendorf vermitteln..

Fotografin: Stefanie Biel

Typische Fensterläden des Heimatstils.

Fotografin: Stefanie Biel

Rund 600 Wohnungen entstanden zwischen 1913 und 1920 in der Gartenstadt Bickendorf.

Fotografin: Stefanie Biel

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Eine Reaktion auf “Dem eigenen Stil treu”

  1. Unbekannt

    letzter absatz: “riphahn übernahm nach dem ersten weltkrieg” müsste es heißen

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