Einfamilienhäuser im Stil des Neuen Bauens

„90 Jahre Bauhaus“ werden derzeit in einer Flut von Beiträgen beleuchtet. Die 1919 in Weimar gegründete Kunstschule gilt als Heimstätte der klassischen Moderne. Geht man in Köln auf Spurensuche, die großen Namen und Projekte findet man nicht. Und doch gibt es ab den späten 20er Jahren eine Reihe „weisser Klassiker,“ Wohnhäuser privater Bauherren, Intellektuelle mit Hang zur Avantgarde.

Pflichtenheft für diese Bauten sind Le Corbusiers fünf Punkte zu einer neuen Architektur, so wie er sie 1927 in der Weißenhofsiedlung umsetzt: Pfosten statt Mauern, Dachgärten, freie Grundriss- und Fassadengestaltung sowie Fensterbänder. Die im Bauhaus formulierten Programme sind grundlegend für diese Kölner Einfamilienhäuser, und doch sind sie im engeren Sinne nicht als Bauhaus-Architektur zu bezeichnen. Es hat sich eingebürgert, „Bauhaus“ mit der Moderne in Architektur und Design gleichzusetzen. Doch die an dieser Schule entstandenen Arbeiten sind Teil übergreifender Strömungen wie Funktionalismus, Klassische Moderne, Neue Sachlichkeit, Internationaler Stil und Neues Bauen.

Den Ersten Niederschlag der neuen Konstruktionsprinzipien zeigt in Köln wahrscheinlich Riphahns Haus Esch Am Morsdorfer Hof in Braunsfeld von 1925 – ein kubisches Gebäude mit flachem Dach. Das Haus hatte allerdings eine Backsteinfassade mit Putzstreifen und einen spitzwinkeligen Erker, und ist heute überhaupt nur stark verändert erhalten.

Haus Georgii, Heinestraße 2, Lindenthal, 1927 von H. Walter Reitz

Die Einfamilienhausgruppe in der Heinestraße ist wohl das früheste Beispiel für Neues Bauen in Köln. Bauherr der Heinestraße 2 ist der Pianist und Hochschulprofessor Walter Georgii. Großform und Details zeigen deutlich eine Orientierung an Le Corbusier: die freie Fassadengliederung mit Fensterbändern, die Einbeziehung des Dachgartens in den rechteckigen Hausumriss, der halbrunde, hier sehr plastisch ausgebildete Risalit – mit Ausguck am Scheitelpunkt –, betonierte Pflanzkästen, ein bis zum Dachgeschoss durchgezogener Kamin, geschwungene Innenwände, ein breites Betonband als Abschluss über der Terrasse. Die Welt in einer Ausgabe vom August 1929 stellt das Haus in eine Reihe mit Bauten von Le Corbusier und Gropius. Leider ersetzt heute eine eingeschossige Baracke den Ursprungsbau. In Zusammenhang mit dieser Maßnahme entsteht auch das Doppelhaus Heinestr. 4-6 als bescheidenere, deutlich weniger durchgliederte Ausgabe von Haus Georgii.

Haus Hussmann, Im Park 2, Rodenkirchen, um 1930 von Hans Schumacher

Sechs Privathäuser am Rheinufer auf einem 4000 qm großen Grundstück mit altem Baumbestand bilden die sogenannte Künstlerkolonie, entstanden zwischen 1929 und 1933. Hans Schumacher bebaut die Grundstücke Im Park 2, 6 [durch Neubau ersetzt] und 8 und Walter-Rathenau-Str. 29, von Theodor M. Merrill stammt das Haus Uferstr. 11 und von Josef Op Gen Oorth das in der Walter-Rathenau-Str. 27. Wegen der Überschwemmungsgefahr sind sie teilweise gestelzt, in den Erdgeschossen liegen Wirtschaftsräume.

Heinrich Hussmann wird 29jährig von seinem Freund Konrad Adenauer im Jahr 1927 als Professor an die Kölner Werkschulen berufen. Er lernt Schumacher zwei Jahre darauf bei der Kölner Werkbund-Ausstellung kennen. In nur vier Monaten entsteht der mit Schwemmsteinen ausgefachte Skelettbau für die bescheidene Summe von 22.500 Reichsmark. Auf dem nur 400 qm großen Grundstück ist eine Grundfläche von 70 qm bebaut. Bis hin in die Einzelformen ist die Inspiration an Le Corbusiers Stuttgarter Haus ablesbar: im halbrunden Treppenhausrisalit, im Format der Fensterbänder und Lichtschlitze, im auskragenden Balkon, im durchgehenden Kamin und in der betonierten Tischplatte auf der Dachterrasse. Diese dient der Rückgewinnung des bebauten Raums, und wird zum eigentlichen Wohnort für ein nach Naturnähe verlangendes Lebensgefühl.

Haus Loosen, Im Park 8, Rodenkirchen, 1931 von Hans Schumacher

„Sehen Sie her, meine Herren Architekten“, ruft Le Corbusier in seinem Magazin, dem Esprit Nouveau, „das hier ist die Schönheit unserer Zeit! Diese klaren Linien, diese saubere, gesunde Architektur!“ und meint damit Maschinen, Autos und Ozeandampfer. „Das Haus der Landratten ist Ausdruck einer veralteten Welt von kleinem Ausmaß. Der Ozeandampfer ist die erste Etappe auf dem Weg zur Verwirklichung einer Welt, die dem neuen Geist entspricht,“ schreibt er 1923 in Vers une architecture.

Bei der direkt am Rhein gelegenen Villa für den Firmenbesitzer Otto Loosen liegt es buchstäblich nahe, eine die Schiffswelt und damit Fortschritt, Eleganz, Moderne Zeiten zitierende Formensprache zu verwenden: das relingartige Eisengeländer, bugartige Rundungen, ein überdachter langer Wandelgang – laut Le Corbusier ein „befriedigender, interessierender Raum“ –, die an eine Kommandobrücke erinnernde, auf Stützen ruhende Terrasse, die begehbaren Dächer sind entsprechende Kennzeichen. Der ehemals weiße Edelputz und der Blick auf den Rhein unterstützen noch den Eindruck, das Gebäude würde gleich in See stechen.

Haus Böhm, Auf dem Römerberg 25, Marienburg, 1932 von Dominikus Böhm

Zur Straße hin zwei-, zum eingetieften Innenhof hin dreigeschossig zeigt sich das das Wohn- und Bürohaus des Kirchenbauers Böhm. Für seinen privaten Raum wählt er die scharfkantige, weitgehend kubische Formensprache aus dem Vokabular des Neuen Bauens. Fenster in schmalen schwarzen Stahlramen sind in die weiß verputzte Fassade eingeschnitten, ein nur im Erdgeschoß vorspringender Risalit trägt einen durch schlanke Sprossen in schmale Segmente unterteilten Glasaufbau. Hinter der Erdgeschoss-Fassade liegen Küche, Anrichte und Esszimmer, die Schlafzimmer im ersten Stock, im Untergeschoss Wirtschaftsräume, eine Zeichenstube und zum Hof hin das Atelier. Dunkelbraune Ludovici-Pfannen bedecken das leicht geneigte Satteldach, eine Vorgabe des Bebauungsplans. An diesem Detail zeigt sich, dass die konservativen Marienburger keine Anhänger des Neuen Bauens sind, die Suche lässt sich allerdings andernorts fortsetzen.

„Häuser ohne Dach – Menschen ohne Kopf“

In den 30er Jahren verschärft sich der Dächerkrieg. Er lässt sich gut illustrieren an der Junkersdorfer Gartenstadt Stadion, errichtet 1930-33 von der Architektengemeinschaft Ulrich Pohl, Heinrich Reinhardt, Edmund Bolten und H. Walter Reitz. In dieser ersten Bauphase entstehen dreißig kubisch verschachtelte Einfamilienhäuser in weißem Edelputz mit Flachdach, so etwa in der Paul-Finger-Straße, der Frankenstraße und der Statthalterhofallee.

In der zweiten Bauphase ab 1935 unter Wilhelm Wucherpfennig baut Karl Pütz in der Frankenstr. 54 ein Wohnhaus mit Satteldach. Die Anwohner erheben Einspruch beim Bauamt wegen des „unruhigen Dachs“ und der Aufbauten, sie sehen ihre Flachdach-Häuser durch diese Nachbarschaft im Wert geschmälert. Von der „Reichskammer der Bildenden Künste“ wird der Streit zugunsten des Bauherrn mit dem Satteldach entschieden.

Es geht um mehr als um Dächer. Die Besitzer der modernen Gebäude werden als undeutsch verunglimpft und in rassistischer Weise in der Presse beschimpft. Der Westdeutsche Beobachter, eine Wochenzeitschrift der NSDAP, betitelt im März 1931 einen Artikel mit den Wörtern „Häuser ohne Dach – Menschen ohne Kopf.“ Einige retten den ihren in die USA, und begründen die Internationale Moderne, Deutschland feiert die Rückkehr zum Heimatstil.

Ira Scheibe

„Staatliches Bauhaus Weimar“

Walter Gropius gründete diese Kunstschule am 21. März 1919. Kunst an sich sei nicht lehrbar, so schrieb er im Programm, wohl aber das Handwerk. Formmeister leiteten die Werkstätten nach dem Grundgedanken, die Reproduktion historischer, handwerklich entwickelter Stile ablösen zu wollen durch neue, funktionale Formen, die dem industriellen Herstellungsprozess gerecht werden. Das Bauhaus war zunächst ein pädagogisches Experiment: das eines kollektiven und interdisziplinären Kunstschaffens. Fragen der Gestaltung sollten radikal neu gedacht werden. Die grundlegende Motivation war volkspädagogisch. Stil fordert und fördert eine innere Haltung, die den Menschen von der Barbarei fernhält, so das Credo der Bauhäusler.

Weisse Klassiker

„Weiß drückt eine gewisse Unkörperlichkeit aus. Die Verwendung von Weiß ist daher bestimmend für die körperliche Erscheinung des Raumes. Plastische Körper verringern den Raum je nach ihrer Farbigkeit. An Weiß kann man die Intensität anstoßender Farben genau feststellen, Weiß bestimmt überhaupt erst den Ton. Dadurch ist es möglich, einen ganz bestimmten vorgenommenen Farbakkord zum Klingen zu bringen.“ (Alfred Roth, 1927)

Doppelhaus Heinestr. 4-6, H. Walter Reitz

Foto: Ira Scheibe

Haus Hussmann, Im Park 2, Rodenkirchen, um 1930 von Hans Schumacher

Foto: Ira Scheibe

Haus Loosen, Im Park 8, Rodenkirchen, 1931 von Hans Schumacher

Foto: Ira Scheibe

Der Wandelgang von Haus Loosen, nach der Sanierung mit einer Standartattikaabdeckung.

Foto: Ira Scheibe

Haus Böhm, Auf dem Römerberg 25, Marienburg, 1932 von Dominikus Böhm

Foto: Ira Scheibe

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3 Antworten auf “Bauhaus in Köln?”

  1. Prof.Dr.Karl F.R.Neufang

    Sehr geehrte Damen und Herren, wir besitzen ein Wohnhaus von Edmund Bolten in Junkersdorf. Gerne würden wir mehr über den Architekten und sein Oevre erfahren. Können Sie uns einen Tip geben? Herzlichen Dank vorab.

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  2. Alf Schütte

    Zum Haus Hussmann
    Hier hat sich wohl ein Fehler eingeschlichen. Hussmann kann Schumacher kaum 1914 auf der Kölner Werkbundausstellung kennengelernt haben. Vermutlich war es auf der Stuttgarter Werkbundausstellung 1927 oder auf der Pressa 1928 in Köln

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  3. Unbekannt

    Das Bauhaus ist wirklich sehr schön und ich möchte auch unbedingt architecktin werde also müssen solche häuser müssen öfter gebaut werden!!!

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