Ein Gespräch über städtebauliche Qualität und Gebäudehöhen mit Jürgen Steffens.

Im Dezember 2005 entschied sich der Rat der Stadt, den Einwänden der UNESCO bezogen auf die Pläne für Deutz, auf ganzer Linie nachzugeben. Nun steht der rechtsrheinische Teil der Kölner Innenstadt erneut auf der Tagesordnung der Stadtplaner. Wie sieht ein an den Konzepten beteiligter Architekt und Planer die aktuelle Entwicklung? Diese Frage stellten wir Jürgen Steffens, vom Büro Jaspert, Steffens, Watrin und Drehsen, das 2000 den städtebaulichen Wettbewerb für Deutz gewann.

Eine Vision für den Stadtteil Deutz

Die Vision für den rechtsrheinischen Teil der Kölner Innenstadt war noch unter Wirtschaftsdezernent Klaus Otto Fruhner entstanden. Mit dem Ausbau des ICE-Terminal Köln-Deutz/Messe und dem Umbau von Deutz zu einem Handels- und Logistikzentrum wollte man die Lücke schließen, die der Wegfall der Industrie hinterlassen hat. Der neue Wirtschaftsstandort sollte sich im Stadtbild selbstbewusst gegenüber dem historischen Stadtzentrum und dem Dom behaupten können. Etwa so, wie sich mit dem Geschäftsviertel La Defense neben der alten Stadt ein neues Paris entwickelt hat.

Auch für Jürgen Steffens kann die Rolle des Bahnhofs mit den Gleisanlagen Deutz Hoch und Deutz Tief gar nicht hoch genug bewertet werden. Der ICE-Terminal ist der Drehpunkt der internationalen schnellen Zugverbindungen aus Nord und Süd, Ost und West Richtungen. Außerdem liegt gleich nebenan die Messe und das alles in Innenstadtlage. Das bietet Potential für ein urbanes Stadtquartier größeren Ausmaßes. In diesem Sinn wurde der internationale Wettbewerb im Jahr 2000 ausgeschrieben. „Hochhäuser waren damals nicht ausgeschlossen sondern ausdrücklich erwünscht,“ erinnert sich Steffens. Der Wettbewerb ergab rund um den ICE-Bahnhof Köln-Deutz/Messe fünf Hochhäuser von 60 bis 120 Meter Höhe.

Das Deutzer Höhenwachstum – Eine Konzession an die Investoren

    Steffens: In der Nachbearbeitung des Wettbewerbs gab es von Investorenseite den Wunsch, die Grundrisse zu verbreitern. Durch ausgedehntere Geschossflächen war aber die Schlankheit der Gebäude gefährdet und ein Anwachsen der Hochhäuser kaum zu vermeiden. Die Schlankheit der Hochhäuser ist ein wichtiges Merkmal für das architektonische Erscheinungsbild. Die Höhe ist mithin nicht als Selbstzweck zu sehen.

Dass die Immobilienwirtschaft zu diesem Zeitpunkt schon am Gespräch beteiligt war, findet Jürgen Steffens richtig. „Es geht ja nicht, dass man Luftschlösser baut, für die es nachher keine Mieter gibt.“ An Bauten von 100 bis 120 Meter Höhe, wie sie 2002 der von Stadt, Messe und Bahn veranstaltete Workshop ergab, waren die Investoren interessiert – allerdings die UNESCO nicht.

Das umstrittenste Hochhaus wird realisiert

Der Bau des LVR-Turms in nur 90 Meter Entfernung vom Dom, hatte die internationalen Denkmalschützer alarmiert, die wiederholt in Dom-Nähe 60 Meter Höhe als Obergrenze markierten. „Bewahren Sie das Alleinstellungsmerkmal der Stadt – den Dom“, lautete 2003 beim Kölner Hochhaussymposium der deutliche Appell der Delegierten des Welterbekomitees. Die Deutzer Planungen mit den neuen Bauhöhen wurden durch den Statuswechsel des Kölner Doms als „gefährdet“ sanktioniert. Jürgen Steffens sieht darin jedoch keine Ablehnung, der zugrundeliegenden Idee, die JSWD für den Standort entwickelt hat.

    Steffens: Es ist erst einmal ganz wichtig zu sagen, dass es zwei Wettbewerbe gegeben hat, jeweils mit hochkarätig besetzter Jury, die sich beide für ein und dasselbe Konzept entschieden haben. Bezogen auf unser städtebauliches Konzept, in der Abwicklung der Höhen und in der Entwicklung der öffentlichen Räume hat es nie Kritik gegeben – ganz im Gegenteil. Dadurch, dass es sich ja durch verschiedenen Verfahren entwickelt hat, ist es eigentlich immer besser geworden. Die aktuelle Entwicklung hakt nicht an der städtebaulichen Qualität des Entwurfs.

Die jüngsten Zugeständnisse des Rates schreibt Steffens vielmehr dem Druck von Landes- und Bundespolitik auf die Kölner Stadtspitze zu, sich der Position der UNESCO unterzuordnen. Doch damit sieht er die Hochhausdiskussion für Deutz nicht als beendet an. Denn, dass es in dieser hoch attraktiven Lage einen Bedarf an Hochhausflächen gibt, steht für Jürgen Steffens außer Frage. Dass sich dafür keine Investoren und Interessenten fänden, bezeichnet er schlichtweg als „Nonsense“. Er kann sich zudem ein harmonisches Nebeneinander mit dem Dom vorstellen und ist in punkto Bauhöhen um Sachlichkeit bemüht.

    Steffens: Die ganze Diskussion wurde doch emotional total aufgepeitscht geführt. Wenn man sich heute das Haus von Gatermann und Schossig anguckt, wird man objektiv feststellen: Das sieht doch gut aus! Und das ist ja sogar der Turm, der die größte Nähe zum Dom hat.

Obwohl er die Forderungen der UNESCO kennt, verkündet Jürgen Steffens optimistisch: „Jetzt ist das Verfahren neu eröffnet“.

Wie er die weitere Entwicklung von Deutz sieht, lesen Sie im zweiten Teil, der in der ersten Februarwoche erscheint:

Das neue Deutz – ein Ausblick.

Petra Metzger

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->Teil II: Das neue Deutz – ein Ausblick

Jürgen Steffens

Dipl.- Ing. Jürgen Steffens, Jahrgang 1960. Nach dem Studienabschluss an der RWTH Aachen arbeitete er drei Jahre im Büro Behnisch. Lehrtätigkeit in Aachen und an der Fachhochschule Koblenz und Bochum. Seit 1992 führt er mit Konstantin Jaspert ein Büro; seit 2000 mit Konstantin und Frederik Jaspert, Olaf Drehsen und Rolf Watrin. Seit 2004 ist Steffens Vorsitzender von koelnarchitektur e.V.

Das neue Köln

Die alte und die neue Stadt, in der Vision von Rudolf Schwarz 1950. Die ‚Industriestadt‘ sollte ein neues Zentrum bilden.

JSWD Deutz Modell

Der Entwurf (2003) von JSWD im Modell. Im Hintergrund sieht man den flachen Kongressbau. Quelle: JSWD

Stadtbildverträglichkeitsstudie 2003

Bildmontage aus der Stadtbildverträglichkeitsstudie 2003. Quelle: p. eisenlauer / maier+neuberger, architekten / münchen

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4 Antworten auf “Teil I: Der Deutzer „Hochhausjammer“ – ein Rückblick”

  1. Anonymous

    Gebe H.Steffens recht,dass es hier Bedarf,sogar e.städtebaul.Notwendigkeit f.d. Bautyp Hochhaus gibt. Sein Urteil z.LVR-Turm:sehr subjektiv. Geometrisch u.ästhetisch flach,die Anordnung z.LVR-Haus deplaziert,steht er zu nahe am Rheinufer.Die Stadtpl.sollte eine Schamgrenze zu Rhein u.Dom vorgeben.

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  2. Unbekannt

    Eine grosse Chance wurde von kurzsichtigen Kölner Politikern vertan. Man stelle sich mal vor der Dom wird trotz allem von der Unesco Liste gestrichen. LOL!!

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  3. www.schael-sick-online.de

    Laut einer kleinen Umfrage durch meine Homepage und die ist aus Deutz, sind die Deutzer Bürger gar nicht so traurig das es z.Z. keine neuen Hochhäuser geben wird.Ich konnte es mir auch überhaupt nicht vorstellen neben dem kleinen Deutzer Bahnhof ein Hochhaus zu bauen (Jahn-Turm).
    Volker Dennebier

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  4. Jörg M. Fehlhaber

    Kennzeichnend für die Willfährigkeit mit der die Kölner der Unesco das Wort reden, ist der Artikel selbst: „Der Bau des LVR-Turms in nur 90 Meter Entfernung vom Dom“..- ja, wenn’s so ist!

    Antworten

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