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30.11.2007
Wer Architektur studiert wird Architekt. Basta! Was vielen zu Beginn des Studiums so klar erscheint, wird durch den Werdegang von Rainer Schützeichel relativiert. Er arbeitet als Architekturkritiker, freier Journalist und als wissenschaftliche Hilfskraft an der FH Köln.

Wer sich einmal von praktizierenden Architekten Empfehlungen für ein sinnvolles Vorgehen auf dem Weg zum Beruf des Architekten einholt, erhält oft den Rat, folgende Handlungskette einzuhalten: Hochschulreife erlangen, ein Handwerk erlernen, sprich eine Lehre absolvieren, studieren und während des Studiums ein, oder besser: mehrere Praktika in namhaften Büros machen und dazu Erfahrung im Ausland sammeln. Dann stünde dem künftigen Absolventen die Tür zum erfolgreichen Architektendasein schon sehr weit offen.
Insofern hat Rainer Schützeichel eigentlich alles richtig gemacht. Der gebürtige Linzer hat nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bauzeichner genossen. Mit diesem handwerklichen Rüstzeug widmet er sich ab 2001 dem Studium der Architektur in Köln. Nach dem Grundstudium zieht es ihn dann für ein Semester nach Wien. Ein Auslandsemester in der österreichischen Hauptstadt - ein Piefke im Reich von K&K, Sissi, Ringstraße und aktuellen architektonischen Strömungen wie Coop Himmelb(l)au oder Wolfgang Tschapeller. Aber vor allem die theoretischen Grundlagen der Architektur, die Entstehung der Stadt und die alten Helden der Architekturgeschichte, wie Gottfried Semper oder Adolf Loos, tun es Rainer Schützeichel in Wien an. So wird hier ein erster wichtiger Grundstein für die spätere Entwicklung gelegt.

Alles richtig gemacht - bis zu diesem Punkt!

Nach der Rückkehr aus Wien geht der gerade Karriereweg jedoch zunächst einmal weiter. Neben dem Studium steht ein studentischer Aushilfsjob auf der Agenda von Schützeichel. In einem international agierenden Kölner Büro findet der angehende Ingenieur einen Arbeitgeber, der über die tradierten Werte der anfangs beschriebenen Ratschläge verfügt: Viele Mitarbeiter, diverse Dependancen im In- und Ausland, große und prestigeträchtige Projekte von Köln über Frankfurt bis hin nach Peking und Shanghai. Doch bereits nach kurzer Zeit merkt der bis dato so zielstrebig vorgehende Student, dass die Auffassungen des Büros mit den eigenen nicht recht zusammenpassen wollen. Der Job wird gekündigt.

Von der Praxis zurück zur Theorie

In der Hochschule nimmt Rainer Schützeichel nun im Hauptstudium zum zweiten Mal am Wahlpflichtfach "Architekturtheorie II" teil. Der erste Anlauf bei einem Lehrbeauftragten verlief wenig befriedigend, und so erhofft er sich nun bei Professor Uwe Schröder ein deutliches Mehr an theoretischem Input. In Folge dieses Architekturtheorieseminars "Der architektonische Raum I und II" entsteht im Herbst 2005 ein Beitrag zur plan in Köln. Gastkritiker des Seminars und Mitkurator der plan-Ausstellung im Kölner Sancta-Clara-Keller ist Andreas Denk. Denk ist Kunsthistoriker und Chefredakteur der Architekturzeitschrift "der architekt". Die Architekturtheorie, das Nachdenken über Architektur, deren Wesenzüge und Entstehungen beeindruckt Rainer Schützeichel nachhaltig, und so beschließt er, Andreas Denk nach einem Praktikum in der Redaktion der Zeitschrift zu fragen.
Und hier findet sich dann der markante Knick in der vermeintlichen Standardkarriere eines Architekten. Aus dem Praktikum in der Redaktion wird noch während der Studienzeit von Rainer Schützeichel ein Volontariat. Neben dem Studium der Architektur wird er so auch zum Redakteur ausgebildet. Und so scheint neben der Karriere des planenden und ausführenden Architekten plötzlich eine zweite, ganz andere Option möglich: Architekturkritiker.
Die Auseinandersetzung mit der Architektur auf theoretischer statt auf praktischer Ebene.

Praktische Theorie oder theoretische Praxis

Im Sommermärchenjahr 2006 legt Rainer Schützeichel dann an der Fachhochschule Köln bei Uwe Schröder sein Diplom ab. Gastkritiker dieses Mal der namhafte österreichische Architekt Laurids Ortner von Ortner und Ortner Baukunst. Die Herkunft des Gastkritikers kündigt es bereits an: Die Diplomaufgabe ist im altbekannten Wien angesiedelt.
Kurz nach dem Abschluss des Studiums wird auch das Volontariat erfolgreich zu Ende geführt. Nun steht der frischgebackene Diplom-Ingenieur also vor dem Dilemma: Schreiben oder Bauen? Oder beides?
Noch, so Schützeichel selber, hat er auf diese Frage keine Antwort gefunden. Alles scheint möglich. Sogar die Aufnahme eines weiteren, vertiefenden Studiums. Doch zunächst einmal ist sein Tag von einer Vielzahl von Aufgaben gefüllt: Die Arbeit für die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift, journalistisches Schaffen unter anderem für das Internetportal koelnarchitektur.de, für das er regelmäßig über aktuelles architektonisches Geschehen in der Domstadt berichtet, und die Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft an der Fachhochschule Köln.
So zeigt der Werdegang von Rainer Schützeichel in aller Deutlichkeit auf, wie vielfältig der Studiengang "Architektur" ist und welche Möglichkeiten er den Studierenden bieten kann. Auch wenn zu Beginn des Studiums scheinbar alles klar ist und alles seinen vorbestimmten Verlauf nimmt, bietet die Architektur derart viele Nischen, dass jeder die seine finden kann. Nicht zwangsläufig steht am Ende dieses Verlaufs ein Berufsbild, das den klassischen Architekten zeigt. Und das, um einen bekannten Berliner zu zitieren, ist auch gut so.

David Kasparek


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