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30.12.2005
Der Kölner Architekturfotograf Jens Willebrand

Jens Willebrand spricht nicht gerne über Fotografie, da für ihn die „prosaische Ebene“ den Bildern ihren Zauber nimmt: Sprache lässt durch Aphorismen Bilder entstehen. Die Fotografie hingegen braucht diese Sprache nicht um ihre Bilder in Worte zu fassen. In jeder Fotografie steckt die Faszination einer Millisekunde an Wirklichkeit, die sich nicht mehr beschreiben lässt. Umso realer ist dieser eine Moment, dessen Wahrheit aber nicht zwangsläufig dem Wesen einer Person, eines Raums oder einer Situation entsprechen muss. Denn in der Betrachtung dieses Moments sieht man nur so viel an Objektivität, wie der Ausschnitt es zulässt. In Gedanken schweift man indes von der Fotografie ab und glaubt mehr zu sehen, als die Oberfläche des Bildes darstellt.


In der Anwesenheit liegt zugleich die Abwesenheit

Eine unbeschreibbare Neugierde treibt Jens Willebrand schon früh zur Fotografie. Die stetig wachsende Liebe zu diesem Metier führt über seine Arbeit als freier Bildjournalist zu dem Entschluss, Fotografie an der Fachhochschule in Dortmund zu studieren. Heute steht er der „Akademisierung des Sehens und Denkens“ eher kritisch gegenüber, da für ihn auch Intuition und der erste Moment der Wahrnehmung ausschlaggebend für die Fotografie sind. Während des Studiums arbeitet er weiterhin als freier Fotograf und richtet sich 1984 ein Studio in Köln ein. Über seine Aufträge für die Industrie erwächst durch das Inszenieren und Ablichten von Industriehallen und -maschinen die Liebe zur Architekturfotografie, die er ab 1986 zu seiner Profession macht. Ein Jahr später schließt er dann sein Studium als Diplom Foto-Designer ab.

Jens Willebrands Fotografie bildet weniger ab, als dass sie Architektur interpretiert. Auch wenn seine Handschrift oft als zurückhaltend beschrieben wird, existiert für ihn ohne diese Distanz auch keine Nähe. Fotografie ist die Momentaufnahme einer Empfindung, in der die verborgene Qualität eines Raums zu Tage tritt. Dabei verschmelzen Licht und Architektur zu einem atmosphärischen Augenblick. Genauso flüchtig wie der Moment der Aufnahme ist auch die Rezeption. In der Flut der uns täglich umgebenden Bilder geht es um jede Sekunde der Aufmerksamkeit. Daher kommt es Jens Willebrand mehr auf einen autarken, plakativen Bildausschnitt, als auf inhaltliche Vollständigkeit an.


Mehr als nur ein Bild

Das Wunschbild der Architekten ist meist das perfekt sinnliche, das ihrer Idee entspricht und den Geist des Entwurfes zeigt. Die Abbildung dieser Imagination bedarf der Sprache einer durch Ausschnitt, Licht und Farbe inszenierten Fotografie, die es schafft, das nicht Sichtbare fühlbar zu machen. „Das ist harte Arbeit.“ Dabei versteht sich Jens Willebrand in erster Linie als Dienstleister seinem Kunden gegenüber. Mit zunehmendem Vertrauen wächst dann die angestrebte Freiheit für eine fotografische Ausarbeitung. War es früher eher sein Ziel, den Bau so makellos wie möglich erscheinen zu lassen und das Umfeld auszublenden, setzt Jens Willebrand heute die Architektur gerne in das Spannungsfeld ihrer Umgebung, um dadurch den Bau wie ein Kleinod hervorheben zu können.

Die rasante Entwicklung der digitalen Fotografie ist für ihn ein Segen. Die Arbeitsprozesse der Aufnahme und deren Nachbearbeitung gehen immer fließender ineinander über. Noch sind aber die Weitwinkelobjektive nicht ausreichend optimiert, um ausschließlich digital Architektur zu fotografieren. Früher forderte die Authentizität der analogen Fotografie oft Kompromisse vor Ort oder die Notwendigkeit, noch einmal wiederkommen zu müssen. Heute löst Jens Willebrand viele dieser Probleme auf dem Weg der digitalen Retusche. Was mit der Kamera beginnt, wird am Rechner fortgesetzt: „Das dokumentarische Bild stellt die Basis dar, dann geht der digitale Werkzeugkasten auf und das Illusionistische beginnt.“ Dabei geht es Jens Willebrand nicht darum die Wirklichkeit zu entstellen, sondern sie zu klären und anhand der eigenen Interpretation Ausschnitt, Farbe und Kontrast in einer Bilddatei festzulegen. Ein weiterer Schritt, die Postproduktion in den eigenen Arbeitsprozess fließen zu lassen, ist die Entwicklung und Produktion von Büchern. Durch die „vertrauensgeprägte Zusammenarbeit“ mit dem Kölner Architekten Johannes Schilling bekommt Jens Willebrand die Möglichkeit, seine Fotografien in einen grafischen Kontext zu setzen. Zusammen produzieren sie im Eigenverlag eine Publikation über den Neubau von Schillings Büro am Gereonswall. Auch hier dienen die Fotografien weder der Bebilderung des Textes, noch beschreibt der Text das Bild. Das fotografische Essay steht gleichberechtigt neben dem Wort.


Eine entromantisierte Liebe

Eine große Rolle in Jens Willebrands Fotografie spielt neben der Entscheidung für den richtigen Ausschnitt auch die Wahl des Lichts. Andreas Ruby schreibt in einem Essay über die Arbeiten Willebrands: „Seine bevorzugte Lichtsituation ist ein unbewölkter Himmel kurz vor Sonnenaufgang: jene Zwischenzeit, die nicht mehr der Nacht, aber noch nicht dem Tag gehört.“ Ebenso feinfühlig geht Willebrand mit Personen in der Inszenierung eines Raumgefüges um. Um die Konzentration auf den Menschen zu vermeiden, lässt er oftmals Personen zu Wischern werden. Diese geben dem Bild eine zusätzliche Dynamik und ein Gefühl für Größenverhältnisse, ohne dabei von der Architektur abzulenken – es entsteht die Abstraktion eines belebten Raums.

Jens Willebrands Liebe zum Beruf ist frei von Kitsch. Es ist nicht die romantische Verklärung, die seine Arbeit ausmacht, sondern eine Poesie aus Authentizität und Präzision. Dabei ist es ihm wichtig, in mehreren Richtungen zu denken und zu arbeiten. So fotografiert er in den letzten Jahren auch Interieure für die Werbebranche. Seine Neugierde und Offenheit gegenüber der Zeit und ihren Möglichkeiten sind dabei seine Stärke. Er lässt sich auf keinen Stil festlegen, um frei zu bleiben und dem Gefühl des Augenblicks folgen zu können. Allem voran ist es aber diese Liebe, die ihn dazu treibt, der Fotografie und Architektur treu zu bleiben – vielleicht aber auch die Möglichkeit der Fotografie, einen Moment unsterblich zu machen.
Christoph Herkenrath
Ausschnitt
Jens Willebrand, Jahrgang 1962

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www.willebrand.com ///

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