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Helenenturm in der Innenstadt

"Tja", sagte der Sucher zum Finder und "tja" sagte der zum Sucher, und nach einem Schweigen, dessen Länge im Rahmen eines vom Max-Planck-Institut angeregten statistischen Vergleiches sein exaktes Äquivalent in der Flugstrecke, die eine Eintagsfliege in ihrer gesamten Lebenspanne zurücklegt, findet, meinte der der Beiden, der Dieter heißt: "Bei dem hier kann man sich streiten". Er habe, sagt der andere, einmal in einem Buch namens Winnetou I etwas von Halbinseln gelesen, aber von einem halben Turm stünde da nichts. Davon habe selbst der Alte nie berichtet und er hätte seines Wissens immer alles erzählt, was er wusste.



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Der Finder zückte ein "Notizbuch" und einen Bleistift. Man müsse es beschreiben und notieren und diese Notizen an den Experten senden. Und so beschrieb man: "Es hat lange, sehr lange" – "Stangen" schlug der Finder, der ja bekanntlich von nichts außer Türmen eine Ahnung hatte, vor. Der Sucher, der sich nie sicher war (denn man wusste ja nie) bestätigte, soweit nötig, und fragte: "Stangen oder Haare?" Man einigte sich im Verlauf auf den folgenden Text: "Lieber Experte: Sieht aus wie Haare, die wie Stalagmiten von oben nach unten hängen oder wachsen und zwar aus einem Haufen Steine, der wie Stalaktiten von unten nach oben wächst, dem aber die rechte oder linke (je nachdem) Hälfte zum Turmsein, sowie ein Aufgang und eine Aussichtsplattform zu fehlen scheinen. So ähnlich wie bei einer Halbinsel. Was ist das? "

Dieser Text wurde als Telegramm an den Experten geschickt dessen Antwort sich wie folgt las: "Wenn ein Turm nur zur Hälfte steht und man nicht worauf gehen kann, weil da nichts ist, auf das man rauf gehen könnte (oder noch nie etwas war), wieso ist dann das ein Turm? Eine Halbinsel ist eine Halbinsel weil sie auf drei Seiten von Wasser umgeben ist. Welche Halbinsel aber hat Seiten? (Und was passiert, wenn das Undenkbare wahr wäre und es eine dreiseitige Halbinseln gäbe?). Wenn also der Turm halb ist, wo ist dann die andere Hälfte? Hierzu gibt es zwei Theorien: Die ein besagt, dass es auf der anderen Seite der Welt, dort wo der Sucher die Dinge findet und der Finder die Dinge sucht, dass es dort also, wo es sich mit allem genauso verhält wie hier nur umgekehrt, einen anderen Halbturm gibt, der diesem exakt gleicht, nur mit von unten nach oben wachsenden Haaren und mit von oben nach unten gemauerten Ziegeln. Wenn dem so wäre, so wäre dieser Halbturm der einzig Ganze und alle ganzen Türme nur Doppelte.

Was aber, und das ist die andere Theorie, wenn der Turm, den wir als den Halben betrachten, nur dafür da ist, die Hälfte, die nicht zu sehen ist und nicht gemauert wurde, ins rechte Licht zu rücken? Dann wäre solch ein Turm das Wesen aller Türme. Denn er ist sowohl Turm als auch Nicht-Turm und damit der einzig wirkliche und vollständige unter den Türmen.

Einst hatte ein weiser Mann erkannt, dass sich die sichtbaren von den unsichtbaren und die gebauten von den nicht gebauten Türmen nur visuell unterscheiden. Er hat daher diesen Platz gewählt seine These zu verdeutlichen, denn er sah einen Turm und war sich bewusst, weil es diesen nicht gab, dass die, die neben ihm stehen, ihn nicht sehen. Um einen solchen sichtbar zu machen, kann der ökonomisch denkende Architekt viel Arbeit sparen, indem er dem Symmetrie geschulten Betrachter einfach nur die Hälfte hinbaut. So kann man sich den linken Arm ja auch denken, oder das rechte Auge, wenn man nur den rechten Arm oder das linke Auge sieht.

Der Lebensgefährte des genialen Konstrukteurs aber war ein chinesischer Waldreiher aus der Provinz Hu, der sich das zur Erfüllung einer notorischen Reiselust nötige Kleingeld mit Landschaftsgärtnerei verdiente. Dieses Tier wollte nichts lieber als auf ein solches Meisterwerk der Architektur, wie es der Freund ersonnen hatte, ein Ei zu legen. Immer wieder versuchte er sein Glück und reiste von China nach Köln um dort zu brühten. Doch immer wieder zerschellte sein Ei, da der Vogel zu hellsichtig war, um Turmhälfte von Nicht-Turmhälfte unterscheiden zu können.

in seinem Gefieder aber, hatte sich ein Samen verirrt aus der Gattung der langadrigen Ukulelen Helene. Dieser fiel, wie es der Zufall so wollte, ab von dem Reiher und in eine Ritze auf der obersten Kante der Turmhälfte, die ein Turm war. Der Samen keimte und bald sah es so aus, als wüchsen dem Turm Haare. Der Reiher aber wusste, dass eine Pflanze zwar Unten von Oben oder Hell von Dunkel, nicht jedoch Turm von Nicht-Turm unterscheiden konnte und er erkannte daher die Hälfte auf der risikofrei gebrütet werden konnte. Er legte dorthin ein Ei, dem ein Sohn entsprang, der sich bald mit der Ukulelen Helene anfreundete und eine Familie gründet, weswegen der Turm Helenenturm genannt wurde. Und ihre Liebe währte länger als die Flugstrecke, die eine Eintagsfliege in ihrer gesamten Lebenspanne zurücklegen kann."

Jens Christian Brand
Aufschreiber
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360 tuerme titel new
Ein Finder und ein Sucher machen sich auf den Weg zu sieben Kölner Türmen. Neben den eigentlichen Orten suchen und finden sie Spuren des Absurden und entwerfen ganz nebenbei ein sehr persönliches Stadtbild.

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